Johanna Schweizer / Projektkoordination Kultur

Interview mit Peter Selbach, Ministerialrat des Ministeriums für Wissenschaft und Kultur Baden-Württemberg

Telefoninterview

Datum: 8. Dezember 2004
Dauer des Gesprächs: 61 Minuten

J.S.: Was ist das Ziel staatlicher Kulturpolitik?
Selbach: Staatliche Kulturpolitik soll ein breites Kulturangebot ermöglichen. Einmal durch das Betreiben und die Unterhaltung eigener Einrichtungen wie Museen in Landesträgerschaft oder auch Staatstheatern, und dann natürlich durch eine differenzierte Förderung. Sie kennen vielleicht unsere Kunstkonzeption. Es gibt mehrere Kunstkonzeptionen, aber das Standardwerk, das Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre unter Hannes Rettich herauskam, das stellt die Kulturpolitik in all ihren Bereichen und Einzelzielen dar. Die tragenden Säulen sind einmal der Gedanke der Liberalität, der bedeutet, dass der Staat die Kultur ermöglicht, aber nicht die Inhalte bestimmt. Der Staat muss es vertragen, dass zum Teil auch etwas sehr kritisches geschieht. Shakespeare lässt seinen Hamlet sagen, „man muss der Zeit den Spiegel vorhalten“, und da muss man dann auch unangenehmes ertragen. Wir nehmen auch immer die Theater in Schutz, wenn wir sehr kritisch angeschrieben werden von Besuchern, die mit einer Inszenierung nicht klarkommen und empört sind. Das ist der Gedanke der Liberalität. Dann natürlich auch der Gedanke der Pluralität, d.h. man setzt nicht auf ein, zwei wenige Pferde, sondern man versucht Kultur in der ganzen Breite zu ermöglichen. Und auch der Gedanke der Dezentralität ist uns wichtig, d.h. nicht nur die Kultur in einigen Zentren, sondern in der Fläche. Das sieht man bei unseren Theatern wirklich ganz schön, denn wir unterhalten nicht nur die beiden Staatstheater in Stuttgart und in Karlsruhe, sondern wir fördern acht Kommunaltheater, die sich aufs Land verteilen, wir fördern drei Landesbühnen, wir fördern insgesamt 42 sogenannte Kleintheater, dabei sind auch Figurentheater, und schließlich ca. 120 freie Gruppen und professionelle freie Theater, und die verteilen sich übers ganze Land. Das ist uns sehr wichtig, und gerade bei den Landesbühnen fördern wir zwischen 70 und 80%. Der Zuschuss ist deshalb so hoch, weil es uns wichtig ist, dass die Landesbühnen ihren Kulturauftrag die Fläche zu bespielen auch wahrnehmen. Das gilt für die anderen Sparten natürlich auch.

J.S.: Sie fördern breit, und die Gestaltung bleibt den Institutionen überlassen?
Selbach: Ja natürlich. Es ist natürlich so, man muss die Dinge (...) da lässt sich Zehelein jetzt gut auch als Beispiel nehmen (...) Niemals würden wir sagen, „Herr Zehelein, sie müssen jetzt mal einen anderen Regisseur nehmen, oder sie müssen jetzt nicht die Elektra von Strauss bringen, sondern bringen sie den Freischütz von Webern“.

J.S.: Das würde die Theater in ihrer künstlerische Freiheit beeinträchtigen. Aber gibt es allgemeinere Aufträge?
Selbach: Wir spucken nicht einfach das Geld aus und sagen, jetzt macht mal. Sondern die Sache beginnt, in dem man sich für jemand bestimmten entscheidet. Man weiß ja, wofür derjenige oder diejenige steht. Das heißt, wenn ich mich für Zehelein entscheide – Zehelein war ja als er hier her kam kein unbeschriebenes Blatt, ebenso Pamela Rosenberg, mit der er es ja zunächst einige Jahre zusammengemacht hat – setze ich schon einen eigenen inhaltlichen Akzent. Den haben wir auch gesetzt mit der Entscheidung für Puhlmann als Nachfolger von Zehelein. Damit beginnt es. Zweitens hat man dauernd miteinander zu tun. Ich treffe mich mit Zehelein, Zehelein kommt in den Verwaltungsrat des Staatstheaters und natürlich diskutiert man da auch was er macht, und wenn man jetzt fände, irgendwo sei ein Defizit, nennt man das beim Namen und diskutiert es mit ihm. Das muss er ertragen können, dass man dann vielleicht auch mal etwas anders sieht als er. Nur wir machen ihm dann keine Vorschriften. Also wenn man das Gefühl hat, es sollte vielleicht doch ein bisschen mehr für Junge geschehen – aber das kann man bei ihm gar nicht haben mit seiner ‚Jungen Oper’ ist er ja mustergültig – aber wenn er jetzt nicht die ‚Junge Oper’ hätte und das einfach vernachlässigen würde, dann würde das schon so ablaufen, dass man ihm das zu verstehen gibt. Außerdem läuft das im Theater alles nur mit Zeitverträgen, und ich sage immer, wenn man mit einem Intendanten überhaupt nicht zufrieden ist, und man gibt ihm einen Hinweis, und er sagt „nein, das mache ich nicht“, dann wird der im Zweifel nicht verlängert. So laufen da die Dinge ab. Man diskutiert schon auch über die Inhalte, aber man macht nie Vorschriften.

J.S.: Welche Aufgabe und welche Funktion hat die Oper Ihrer Meinung nach?
Selbach: (Text weggelassen) Oper hat nach wie vor einen enormen Zuspruch. Die Menschen haben ein Bedürfnis nach Musiktheater. Und klar ist, viele Menschen sehen gerne das opulente Musiktheater, weil sie gerne etwas fürs Auge haben und die Musik genießen. Das sind dann auch die, die mit etwas moderneren Inszenierungen ihre Probleme haben und Briefe schreiben. Aber es gibt sehr viele Leute, die sich dafür interessieren, wie setzt sich einer aus Sicht des heutigen Menschen mit dem Stoff des Ring des Nibelungen auseinander. Dieses Bedürfnis ist das Bedürfnis einer großen Zahl von Menschen. Man kann nicht sagen - was gelegentlich behauptet wird – dass das nur für eine winzig kleine Schicht ist. Das stimmt einfach nicht. Wenn man eine normale Opernaufführung sieht, wo das Abo-Publikum drin ist, und man die Abonnenten dann beobachtet. Das mache ich schon gelegentlich, wenn man in der Premiere drin gewesen ist, interessiert es mich, ob sich die Aufführung auf dem Niveau hält. Ich tue es aber auch immer wieder wegen der Zuschauer, weil ich das beobachten will. Und da sehe ich, dass da wirklich ein Querschnitt der Bevölkerung ist und das Publikum gar nichts so elitär ist, wie mitunter behauptet wird. Da besteht erst mal ein starkes Bedürfnis einer großen Zahl von Menschen. Das wird belegt durch die Auslastungszahlen. Zur Aufgabe des Theaters: Zunächst mal definiert sich die Aufgabe des Theaters, wie alles im Theater, vom Auftrag des Theaters her. Ich habe das vorhin mit dem Zitat aus Shakespeares erwähnt, und das ist für mich ein Schlüsselsatz. Theater muss auch die Leute unterhalten. Deswegen ist es legitim, dass eine leichte, gefällige, süffige Oper oder Operette oder Musical gespielt wird, wo die Leute einfach reingehen und in Gedanken die Melodie mitsummen, und sich freuen an dem Geschehen oberflächlicher Natur, und man nicht viel darüber nachdenken muss. Das ist auch legitim. Aber deswegen muss man nicht unbedingt Theater subventionieren. Denn das könnte ein Theater eventuell kostendeckend, wenn es ‚ensuite’ spielt, mit ein paar Sponsoren gerade auch noch hinbekommen. Weshalb man ein Theater subventioniert ist, weil man auch an die schwierigen Sachen rangehen kann. Und deswegen, wie gesagt, ist es Aufgabe der Theater, der Zeit den Spiegel vorzuhalten. In wiefern wird da das Lebensgefühl eines jungen oder nicht mehr jungen Menschen emotional angesprochen. Hat man sich in der Opernaufführung konfrontiert gesehen mit einem Inhalt, der einen anspricht und bewegt und ist man zur Reflektion gekommen. Das gilt für alle Sparten. (Text weggelassen)

J.S.: Können Sie auch zu der Aussage stehen: „Staatliche Förderungen der Theater sind zum großen Teil Risikoprämien“
Selbach: Absolut. Ja unbedingt. Natürlich. Wobei ich nicht denen das Wort rede, die sagen, dass der richtig gute Intendant der sei, dessen Ziel es ist, dass die Feuilletons voll und die Stühle leer sind. Davon halte ich auch nichts. Ich muss schon versuchen, den Spagat zu schaffen, das Schwierige und Sperrige zu bringen, aber das den Leuten auch zu vermitteln. Den Auftrag hab ich doch. Ich habe nicht den Auftrag, für ein paar Feuilletonisten zu spielen. Aber das ist Schnee von gestern, das kann sich heute gar keiner mehr leisten. Aber es gab eine Phase, wo man sagen konnte, „das interessiert mich doch gar nicht, wie die Auslastung ist, das Feuilleton muss voll sein, die Leute müssen darüber sprechen, und sich auch ärgern darüber.“ Risikoprämie ist ein oft gebrauchter aber zutreffender Ausdruck.

J.S.: Vom Kulturauftrag hatten Sie vorhin gesprochen. Ist der formuliert? Beispielsweise im Vertrag des Intendanten?
Selbach: Der Vertrag beschränkt sich immer auf mehr formale Dinge. Also nicht nur darauf, wie lange er läuft und wie hoch das Gehalt ist, sondern auch ob er inszenieren darf, und wenn ja, wie oft, und ob er gastieren darf, und so weiter. Da steht das nicht drin. Aber klar ist, wenn ich einen Intendanten (...) also das ist eine ganz subtile Sache, einen Intendanten zu installieren. Gerade bei größeren Häusern schreibt man die Vakanz gar nicht aus, da ist man plötzlich sein eigener ‚headhunter’, und läuft durch die Lande und erkundigt sich ganz diskret, denn die interessanten Leute legen Wert darauf, dass ihr derzeitiger Arbeitgeber gar nicht mitbekommt, dass sie woanders im Gespräch sind. Das ist eine ganz schwierige und spannende Sache. Und da spricht man natürlich mit den Leuten. Da geht es dann ganz stark darum, was deren Handschrift ist, und was sie sich vorstellen. Deswegen sagte ich vorhin, das ganze Programmatische beginnt damit, wen ich mir aussuche. Da setze ich mich ganz genau mit dem Profil auseinander. (Text weggelassen) Natürlich fragt man immer, das ist die Standardfrage bei allen Findungen, „Wie sähe beispielsweise Ihr Spielplan für die erste Spielzeit aus, wer wird Ihr Hausregisseur sein, mit welchen Gastregisseuren gedenken Sie zu arbeiten, wer wird Ihr GMD sein, mit welchen Dirigenten wollen Sie arbeiten“, und dann weiß man, „aha, das läuft auf das und das hinaus.“ Insofern erfolgt die eigentliche Weichenstellung bei der Auswahl des Personals. Dann läuft erst mal der Vertrag. Und dann läuft das so ab, wie ich das eben darstellte, dass man in einem dauernden Gedankenaustausch ist. Man lässt sich informieren, wie die Überlegungen für die nächste Spielzeit sind, irgendwann wird dann der Spielplan vorgelegt, der geht dann durch Gremien, und so diskutiert man dann immer unter Beachtung der Zuständigkeiten. Dabei darf nie das Gefühl aufkommen, man will jemanden dazu zwingen. Dann geht es natürlich immer darum, wenn eine Vertragsverlängerung ansteht. Wie läuft es jetzt weiter. Und da legt sich jemand, der im Vertrag bleiben will schon auch fest, und sagt „ich will jetzt das und das machen“. So ist das ‚Forum Neues Musiktheater’ auch zustande gekommen. Zehelein hat das eingebracht im Rahmen eines unserer Gespräche über seine letzte Vertragsverlängerung. Da sagte er, „das stelle ich mir unbedingt vor, dass ich das jetzt in Angriff nehmen sollte.“ Und wir fanden den Gedanken interessant, aber es tauchte dann ein Finanzierungsproblem auf. Da hat man sich sehr intensiv über ein inhaltliches Projekt unterhalten, und da war auch klar, welche Aufgaben bestehen für die eine und die andere Seite, wenn man ein solches Projekt in Angriff nehmen will. Das heißt, die Konzeption obliegt in Entwicklung und in Durchführung natürlich in den Händen des Intendanten Zehelein, und das Ermöglichen ist unser Bier. Wenn er das nur mit ein paar Sponsorengeldern hinbekommen würde, würde er das auch mit uns besprechen, das ist schon klar. Aber dann wären wir nicht so gefordert, sondern dann ginge es nur darum, dass man sagt, „oh, das findet man auch gut“, oder man warnt ihn davor, wenn man es nicht gut findet. Aber jetzt war es wirklich so, dass man sich konkret verabredet hat, anlässlich der Vertragsverlängerung.

J.S.: Hat das Land auch die Möglichkeit, Mittel zu vergeben, die projektbezogen sind?
Selbach: Ja, es ist so: klar ist, er braucht zusätzliches Geld. Er konnte nicht im Rahmen seines Budgets realisieren, was es gelegentlich auch gibt, dass man sagt, „ich will eigentlich gerne im Rahmen meines Budgets den und den Akzent setzen, dafür vernachlässige ich das und das, und mache aber das neu.“ Dann ist das finanzneutral, und dann macht man das, oder man macht es nicht. Hier sagte er, nein, ich will das zusätzlich machen, und das kann ich nicht, schon gar nicht im Rahmen des Repertoirebetriebes. Denn was die Disposition anbelangt, kriegt er das nicht hin, wenn er das im Rahmen des normalen Probenbetriebes machen muss. Deshalb muss er das außerhalb laufen lassen, auch räumlich, und er braucht auch ein zusätzliches Geld. Jetzt ist in Stuttgart die Besonderheit, dass das Theater hier einen Vertrag mit der Stadt Stuttgart hat, die zur Hälfte alles was das Theater betrifft mitbezahlt. Da tat sich der Gemeinderat schwer, mit neuen Sachen. Alle sind natürlich begeistert von Zehelein, auch in der Stadt, das ist ganz klar, aber der Gemeinderat, (...) mit neuem Geld, (...) und auch wir (...), ich weiß gar nicht, wie wir es hingekriegt hätten mit unserem Geldgeber, dem Landtag. Und da kam eben die Idee, dass wir das als Projekt über unsere Landesstiftung laufen lassen könnten. Das ist auch Landesgeld, aber es läuft auf einer anderen Schiene. Das haben wir so hingekriegt. Nicht unbefristet, das muss man natürlich sagen. Zunächst mal befristet bis 2006, dann muss man weiter sehen. Es ist nicht ausgeschlossen (...), also 2006 geht Zehelein, dann muss man das mit Puhlmann im einzelnen bereden. Schon in einem Dialog, aber darüber möchte ich jetzt nicht sprechen, sondern nur sagen, dass man die Finanzierung bis 2006 über die Landesstiftung gesichert hat und man dann weitersehen muss. Und dieses Geld wird natürlich schon abgewickelt durch das Theater. Der dortige geschäftsführende Direktor, Herr Tränkle, der verwaltet das Geld, aber es läuft neben dem regulären Etat.

J.S.: Die Landesstiftung fördert sehr breit, auch in Wissenschaft und Forschung (...)
Selbach: Ja, aber sie fördert natürlich nicht in der ganzen Bandbreite der Landespolitik. Sie hat ihre Schwerpunkte in Forschung und Kultur. Kultur in breit verstandenem Sinne, also auch die nicht professionelle Kultur, die nicht diesen Zuschussbedarf hat, weil die Leute nicht davon leben. Aber da gibt es auch einzelne Projekte, gelegentlich auch im Sozialen Bereich, aber die beiden Hauptrichtungen sind schon Forschung und Kultur.

J.S.: Gibt es vom Ministerium konkrete politische Initiativen oder Fonds zur Förderung von zeitgenössischem Musiktheater?
Selbach: Die Landesstiftung ist ein Fonds. Sie ist so zustande gekommen, dass Landesbeteiligungen an bestimmten Unternehmen verkauft wurden, und der Verkaufserlös in eine Stiftung eingespeist wurde, und dort wie ein Fond verwaltet wird. Von den Erträgen dieses Fonds, dieser Stiftung, werden dann Projekte gefördert. Da müssen dann bestimmte steuerrechtliche Kriterien erfüllt sein, damit das nicht steuerschädlich ist, und so weiter. Das sind aber ganz formale Dinge. Das hat mit der Stiftung zu tun. Denn nur, wenn ich gemeinnützige und steuerunschädliche Zwecke fördere, ist es gerechtfertigt, dass dieses Geld nicht versteuert werden musste. Insofern muss die Stiftung immer parallel eine steuerrechtliche Prüfung vornehmen. Das hat zur Folge, dass wenn man sich zu einer Besprechung trifft, um etwas zu erörtern, immer ein Steuerberater oder Steueranwalt dabeisitzt. Jedenfalls ist das auch Landesgeld, aber dieses Geld kann immer nur zeitlich befristet eingesetzt werden. Entweder für ein ganz punktuelles Projekt, oder aber auch als Anschubfinanzierung über ein paar Jahre hinweg. Deshalb hat man gesagt, bis 2006 ist hier die Finanzierung erst mal gesichert. Was nicht gehen würde, wäre, dass Zeheleins Nachfolger käme, und sagen würde, „ich muss das jetzt als Dauereinrichtung haben, ich will jetzt von der Landesstiftung eine Dauerförderung haben.“ Das ginge effektiv nicht.

J.S.: Noch mal kurz zurück zum Auftrag. Welchen Stellenwert haben jeweils Repertoirepflege und Weiterentwicklung des Musiktheaters im Auftrag an die Theater?
Selbach: Beide haben natürlich ihren Stellenwert. Alles was im Repertoire ist, ist mal in einer Premiere entstanden. Und deswegen ist immer das primäre Ziel, und das ist auch das, was das Publikum interessiert, was neu kommt und wer es macht. Und da ist es schon ganz wichtig, dass ein Theater in unterschiedlichem Tempo, das hängt wirklich vom Publikum und vom Umfeld ab, immer nach vorne geht, und nicht immer auf der Stelle tritt und irgendwann zum Theatermuseum wird. Deswegen ist das ein sehr sensibles Geschäft, was man dem Publikum zumuten kann, dass die Akzeptanz da ist, auch wenn das Publikum vielleicht mit Inszenierungen beunruhigt wird. Deswegen zu ihrer Frage nach dem Stellenwert: im Vordergrund steht immer die Neuinszenierung, das ist klar. Aber damit will ich jetzt nicht der Repertoirepflege den Stellenwert absprechen. Die ist für mich eines der großen Vorteile unseres Theatersystems, dass nicht die Stücke ‚ensuite’ abgespielt werden und dann nie wieder kommen, sondern dass die Stücke, die sich wirklich auch durchsetzen, wenn auch mit Schwierigkeiten, im Repertoire bleiben. Das ist auch für die Künstler ein wichtiger Gesichtspunkt. Ich behaupte mal, ein Schauspieler, der es gewohnt ist, Abend für Abend was anderes zu spielen, hat eine ganz andere Breite und einen ganz anderen Facettenreichtum des Ausdrucks als wenn er ‚ensuite’ spielt. (Text weggelassen)

J.S.: Wenn man jetzt mal vom szenischen weggeht, hin auch zur musikalischen Weiterentwicklung durch Uraufführungen. Welche Rolle spielt die Neuproduktion?
Selbach: Das ist ganz wichtig, solche Kompositionsaufträge. Wir haben in Karlsruhe mit Michael Nyman einen ‚composer in residence’. Das zeigt, welches Gewicht sie diesem Gesichtspunkt beimessen. In jeder Spielzeit komponiert er eine neue Oper. Die fallen unterschiedlich aus, das ist auch ganz logisch. Man merkt auch, wie er sich als Komponist immer auch noch ein Stück weiterentwickelt. Die Uraufführungen haben immer einen besonderen Stellenwert. Wie gesagt, da sind Kompositionsaufträge fast das beste Instrument, weil man da die Möglichkeit hat, dass einem jemand den Maßanzug schneidert. Ich kann natürlich auch von einem Komponisten eine Partitur gebracht bekommen, die noch nirgends gespielt wurde, und der sagt, „hätten sie da nicht Interesse“, und dann schaue ich mir das an und sage, „oh, das wäre toll, könnte ich machen“. Aber ein Komponist, der für meine Möglichkeiten, mein Orchester, meine Sänger, meine Schauspielerinnen sozusagen maßgeschneidert ein Werk verfasst, und dabei schon sagt, „die Hauptrolle muss die und die Sängerin singen, weil ich mir nur die darin vorstellen kann“, das hat natürlich noch mal was besonderes. (Text weggelassen) Deswegen finde ich Kompositionsaufträge oder auch Schreibaufträge ein ganz ausgezeichnetes Mittel.

J.S.: Sind Ihrer Meinung nach Staatsopern dazu verpflichtet, die Entwicklung des zeitgenössischen Musiktheaters zu fördern?
Selbach: Ja, unbedingt, das machen sie ja auch.

J.S.: In welchen Foren vermitteln Sie den Stellenwert der Kultur und des Neuen Musiktheaters?
Selbach: Ich erwähnte schon die Kunstkonzeption. Das ist wie eine Magna Carta, die Ende der 80er Jahre herausgekommen ist und die auch heute noch lesenswert ist. Sie wird auch fortgeschrieben. Jedes Jahr, wenn es einen neuen Haushalt gibt, gibt es einen Bericht der Landesregierung zum Haushalt, und darin steht immer das wesentlich Inhaltliche, was mit dem Geld geschieht, denn das wollen die Parlamentarier immer wissen. Es gibt auch, erst kürzlich herausgekommen ‚Kultur Baden-Württemberg’, wo dann ein Überblick über das gegeben wird, was alles läuft im Land. Da sind die Adressen drin, und das ist sehr besucherfreundlich gestaltet, dass man auch weiß, wie man sich übers Internet Informationen holen kann, wo man anrufen kann. Da stellen wir die Kulturlandschaft, die Förderung und was im einzelnen läuft und geschieht dar. Dann gibt es eben diese Kunstkonzeption, in der man eine konzeptionelle Zusammenschau macht. Was ich wirklich hervorragend an dieser Kunstkonzeption finde, ist, dass sie aus zwei Teilen besteht. Im einen Teil geht es darum, wie der derzeitige Bestand ist, und im anderen darum, was noch getan werden muss. Das fand ich hervorragend, weil man sich nicht nur versichern konnte, wie in der kleinen Broschüre die neu herausgekommen ist, was im Moment läuft und was es alles gibt, sondern weil da auch die Handlungsfelder genannt waren, wo man noch was nachholen oder erweitern muss, und was man vielleicht neu machen muss. So etwas gibt man natürlich nicht jedes Jahr heraus, aber es wäre nicht schlecht, wenn es das mal wieder gäbe.

J.S.: Wie stehen sie zum ‚Forum Neues Musiktheater’?
Selbach: Zum ‚Forum’ will ich noch ein paar Dinge sagen, die ich so spannend finde bei dem ‚Forum’. Erstens weiß kein Mensch, auch Zehelein nicht, wie die Rechnung wirklich aufgeht. Das ist bei allem Neuem so. Man weiß erst am Schluss, ob man einen Volltreffer oder einen Flop gelandet hat. Aber in der ganzen Diskussion über das Forum ist ein bisschen eine Unklarheit im politischen Raum reingekommen, weil Zehelein oft davon gesprochen hat, dass das ein Labor ist, und das Neue Musiktheater erforscht wird. Da hat dann die Stadt gesagt, als sie sich sträubte sich finanziell zu beteiligen, „ja nun, aber an Forschung müssen wir uns ja nicht beteiligen“. Das ist ein bisschen komisch gelaufen, die Diskussion. Ich fand eigentlich den Gedanken so interessant und denkenswert, dass Zehelein sagte, „erstens, es ist doch mein Auftrag“ – und das ist wirklich so, das haben wir auch in unserem Gespräch behandelt – „es ist doch mein Auftrag, was zur Weiterentwicklung des Musiktheaters zu tun. Und jetzt stoße ich an meine Grenzen. Ich kann zwar einen Kompositionsauftrag erteilen, das tun andere auch, und das tue ich selbstverständlich auch, ich kann das gängige Repertoire in neuem Licht sehen, indem ich einen interessanten Regisseur verpflichte, der eine andere Draufsicht bringt. Aber wirklich die Suche nach einer ganz neuen Ästhetik des Musiktheaters des 21. Jahrhunderts, oder welchen Jahrhunderts, die ist so aufwendig, da muss ich einfach experimentieren und rumprobieren können, neue Klangdimensionen mir erschließen, auch durch die neuen Technologien, die es inzwischen gibt. Das sprengt einfach den zeitlichen und dispositionellen Rahmen, den ein Theater normalerweise hat.“ Die müssen ja dauernd unter Hochdruck arbeiten, und das kann sich gelegentlich als ein Handicap erweisen. Bei der Auftragskomposition ist es so, da sagt man, „du komponierst das“, und bevor das dann reingeht in die Produktion, kann es sein, dass man noch mal drüber geht und sagt, „könnten Sie nicht das noch ein bisschen anders machen“. Das ist bis dahin eine Sache der Dramaturgie und der Musikalischen Leitung und beeinträchtigt die Abläufe im Theater überhaupt nicht. Dann geht es in die Produktion. Dann müssen die Orchestermusiker proben, und dann fluchen die vielleicht, weil die Partitur so sperrig ist, aber das ist ein normaler Vorgang. Das was Zehelein eben machen möchte, deswegen gebraucht er das Wort mit dem Labor, ist, dass er sagt, „ich will da mehr experimentieren können und ausprobieren, wie stoße ich in neue Klangdimensionen vor und komme so letztlich vielleicht zu einer neuen Ästhetik des Musiktheaters“. Und das hat mich ganz überzeugt, dass das in dem normalen Betrieb nicht geht. Sonst wäre man geneigt zu sagen, „nimm dir alle zwei Jahre mal so was vor, das ist ja sowieso dein Auftrag“. Das wäre die normale erste Reaktion. Und dann kann man immer noch mal darüber reden, ob es eine kleine Verstärkung gibt in seinem Etat, weil es eben aufwändiger ist. Aber mich hat das ganz überzeugt, dass er sagte, „das sprengt mir meinen ganzen Betrieb, wenn ich das in diesen Rahmenbedingungen dort eingebettet machen muss“. Deswegen hat man sich zu dieser Form entschlossen.

J.S.: Hat sich die Stadt Stuttgart hat dagegen gesperrt?
Selbach: Die Stadt (...) wissen Sie (...) die Dinge sind manchmal so primitiv, die Stadt hatte schlicht ein Geldproblem. Und ein großes Theater mit drei Sparten ist immer mit einem Mehrbedarf verbunden, auch wenn man mal da und dort im Haushalt kürzt. Aber das Theater ist und bleibt ein personalintensiver Betrieb, und das Personal wird nach Tarif bezahlt, darauf hat es einen Anspruch. Das bedeutet, allein durch die Tariferhöhungen bei deutlich mehr als tausend Leuten, wird immer sehr viel mehr Geld gebraucht. Die Stadt kommt nie ohne eine Steigerung zurecht, das belastet sie. Und wenn man dann in einer Situation, wo überall die Gelder knapp sind und weniger werden, mit einem neuen Projekt kommt – das mag noch so verdienstvoll sein – wo man unabhängig von den übrigen Steigerungen noch zusätzliche Geld braucht, da haben die irgendwann gepasst. Deshalb haben sie irgendwann nach Begründungen gesucht. Die hatten nicht ein grundsätzliches Bedenken gegen das Vorhaben, das kann man gar nicht haben, finde ich, wenn man der Kultur aufgeschlossen gegenüber steht, und das tut die Stadt. Aber die haben wie gesagt das Geldproblem gehabt, und dann stets nach Gründen gesucht wie „wenn das Forschung ist, dann betrifft das nicht unser Theatergebiet“.

J.S.: Was wären denn Ziele, Wünsche oder Visionen für die weitere Arbeit?
Selbach: Es gibt alle möglichen Überlegungen, was man tun könnte, um Geld zu sparen. Das ist ja die Generalüberschrift, die alle Bereiche beherrscht. Da gibt es alle möglichen Überlegungen auch beim Theater, dass es also heißt, „kann man nicht auf eine Sparte verzichten, kann man nicht Sparten mit anderen Häusern zusammenlegen“. Aber solche Überlegungen wie Schließung einzelner Sparten werden immer wieder in den Raum geführt, in erster Linie nennt man dabei das Kinder- und Jugendtheater, das finde ich wirklich unverantwortlich, denn das ist wirklich die Zukunft. Die jungen Leute von heute sind die Zuschauer von morgen, und auch die, die dann nachher vielleicht Schauspieler oder Sänger werden. Da wünsche ich mir sehr, dass es nicht Amputationen gibt in einzelnen Sparten. Ich wünsche mir auch sehr, dass wir das tragende System unseres Theatersystems, das Ensembletheater beibehalten können. Das feste Ensemble, das gelegentlich verstärkt wird durch Gäste, aber dass man im Grunde ein festes Ensemble hat, das wirklich, und das ist der weitere Stützpfeiler, das Repertoiretheater spielt. Denn das Ensemble, das ans Haus gebunden ist – zeitlich befristet – und die Möglichkeit hat, in einem interessanten Repertoire in den unterschiedlichen Aufgaben sich zu präsentieren und zu bewähren, das erreicht die Fitness, die jeder einzelne subjektiv für sich drin hat. Wenn ich auf der einen Seite ein Haus habe, das gar kein eigenes Ensemble hat, sondern nur immer Stückverträge abschließt, für eine einzelne Produktion, und dann ziehen die Leute weiter, und die Stücke werden dann natürlich ‚ensuite’ gespielt, und wenn sie abgespielt sind, dann kommt das nächste. Und daneben steht dann das Haus, das sich ein Repertoire erpflegt, mit einem festen Ensemble, sich auch dem Fortschritt verpflichtet weiß, in dem es gewagte Inszenierungen der alten Stoffe bringt, indem es das Wagnis von Uraufführungen eingeht, dann ist klar, welches Haus ich bevorzuge. Und das wünsche ich mir, dass wir das halten können, was ganz schwierig ist.

Ende des Interviews.