Johanna Schweizer / Projektkoordination Kultur

Rekonstruiertes Interview mit Klaus Zehelein, Intendant der Staatsoper Stuttgart und dem ,Forum Neues Musiktheater’

Ort: Stuttgart
Datum: 27.7.04
Dauer des Gesprächs: ca. 45 Minuten

J.S.: Die Erforschung und Entwicklung von neuem Musiktheater ist ein lang gehegter und verfolgter Wunsch von Ihnen. Wodurch entstand Ihre Initiative?
Zehelein: Wunsch kann man nicht sagen, es war ein Bedürfnis und eine Notwendigkeit, die aus einem institutionellen Manko entstanden ist. Zur Forschung und Entwicklung von zeitgenössischem Musiktheater war ein neues Modell gefragt, das in der Organisationsstruktur flexibel und unabhängig vom Opernhaus arbeiten kann.

J.S.: Haben Sie von kulturpolitischer Seite Unterstützung erfahren?
Zehelein: Wir haben zunächst keine Unterstützung von kulturpolitischer Seite erfahren. Als erstes konnten wir die Landesbank Baden-Württemberg für unser Vorhaben gewinnen, die an das Projekt als Sponsor natürlich auch Anforderungen stellte. Bedingung für eine Förderung des Forum Neues Musiktheater durch die Landesbank waren der Innovationscharakter und die Kontinuität des Projekts. Gemäß ihres Firmenprofils war sie bereit, dieses Projekt aufgrund seiner Neuartigkeit und Einzigartigkeit zu fördern. Für das Pilotprojekt bekamen wir dann noch Gelder von der EU im Rahmen von Kultur 2000, Bildung und Kultur. Erst dann wurde die Stadt aufmerksam und wir haben Gespräche mit der Stadt geführt. Im Endeffekt fühlte sich die Stadt nicht zuständig, da die Staatsoper eine Institution des Landes sei und verwies uns mit unserem Anliegen an das Land. Im Landeshaushalt war jedoch kein Geld da für das Forum, und so verwies man uns an die Stiftung des Landes Baden-Württemberg. Die Landesstiftung beteiligte sich dann großzügig mit einer einmaligen Zahlung in Höhe von 3 Millionen Euro, die die Finanzierung des „Forums“ für drei Jahre – zusammen mit der Landesbank Baden-Württemberg - sicherten. Meine ursprüngliche Vorstellung der Finanzierung war die einer Drittel-Parität von Oper, Land und Stadt, d.h. dass sich die drei Beteiligten jeweils mit einem Drittel der benötigten Summe, d.h. jeweils mit einer Million Euro an der Finanzierung beteiligen.

J.S.: Wie steht es um die Finanzierung in den kommenden Spielzeiten? Und wie könnte Ihrer Meinung nach von kulturpolitischer Seite aus die Arbeit unterstützt werden?
Zehelein: Mein Vorhaben ist es weiterhin, die Stadt und das Land in die Finanzierung durch eine Drittel-Parität einzubinden. Außerdem hoffen wir, dass die Landesstiftung ihre Anschubfinanzierung verlängert. Wir sind immer noch in einer Anfangsphase, und wir sind immer noch dabei, unser Konzept zu überarbeiten, den Erfahrungen und Möglichkeiten anzupassen. Auch konnten wir nicht wie vorgesehen im Mai 2003 sondern erst im Oktober 2003 im Forum einziehen, da sich die Gebäuderenovierung und der Ausbau der Halle auf dem Römerkastell verzögerte. Und im Moment wird gerade erst das Tonstudio eingerichtet. Für die nächsten beiden Spielzeiten ist die Finanzierung erst mal gesichert, doch würde ich sie gerne auch über 2006 und den Intendantenwechsel hinaus gesichert wissen, dass Albrecht Puhlmann auch seine Erfahrungen mit dem Forum machen und das Forum in seiner Intendanz weiterführen kann.

J.S.: Welche Rolle spielte der Investor Herr Kreis von Ferrum/MKM bei der Gründung des Forums?
Zehelein: (Text weggelassen) Ein Bekannter verwies mich auf die Ereignisse und Vorhaben im Römerkastell Bad Cannstatt – als Kaserne konzipiert und genutzt -, das von dem Investor Herrn Kreis zu einem Medienzentrum wiederbelebt werden sollte. Ich rief Herrn Kreis an und erkundigte mich, ob es für uns dort im Kastell eine geeignete Örtlichkeit geben würde. So kamen wir auf die jetzige Halle, eigentlich ein Unterstand, der als Theater umgebaut werden konnte. Herr Kreis hatte natürlich auch sehr großes Interesse daran, dass sich die Staatsoper Stuttgart dort oben mit ansiedelt, und man kann sagen, dass es eine äußerst erfreuliche Zusammenarbeit mit ihm war. Wir konnten während des Baus unsere infrastrukturellen Bedürfnisse äußern, die von ihm dann aufgegriffen und realisiert wurden, zum Beispiel die unterirdische Verkabelung. Es mussten ja von den Studios zum Theater unterirdisch Glasfaserkabel für Ton, Video etc. verlegt werden, auch die Verkabelung der Studios selbst. Wir wollten auch unbedingt, dass die Halle an den Seiten begehbar ist, also mussten an drei Seiten Türen eingeplant werden. Außerdem wollten wir eine umlaufende Galerie höhersetzen etc. Man kann sagen, dass ohne ihn das Forum nicht in dieser Form hätte realisiert werden können.

J.S.: In welcher Verantwortung sehen Sie sich als Intendant eines staatlichen Betriebs? Ist Ihrer Meinung nach ein staatlich subventioniertes Haus dazu verpflichtet, die Entwicklung des Musiktheaters zu fördern?
Zehelein: Das sehe ich als eine absolute Notwendigkeit. Es geht nicht darum, durch irgendwelche Musiktheater-Experimente die Oper für die nächsten Jahrhunderte zu kreieren, es geht darum, das auszuprobieren, was uns heute beschäftigt, was wir für notwendig halten auszuprobieren. Es ist wichtig in einer Zeit, in der Technik und Elektronik die Kommunikation und das Leben wesentlich beeinflussen und bestimmen, diese Elemente mit dem Musiktheater zu konfrontieren. Es geht darum, sich im Theater mit neuen digitalen Technologien auseinander zu setzen. Diese werden in den Opern- und Schauspielhäusern derzeit meist illustrativ eingesetzt. Das Forum hat hier die Aufgabe herauszufinden, inwieweit die neuen Kommunikationstechniken eigene Erzählstrukturen im Hinblick auf das Musiktheater entfalten.

J.S.: Im Forum wird großen Wert darauf gelegt, frei experimentieren zu können. Ist das überhaupt möglich für eine Institution unter dem Dach der Staatsoper ohne Zwänge und Einschränkungen zu experimentieren?
Zehelein: Nein, natürlich nicht. Ohne Zwänge und Einschränkungen ist zunächst mal gar nichts möglich. Wir müssen uns im Forum an juristische und rechtliche Regeln halten. Wir haben auch Tarifverträge, an die wir gebunden sind, und das ist auch gut so. Wir können nicht einfach nächtelang durcharbeiten, weil das für ein Experiment oder ein Projekt notwendig ist. Das muss ich klar sagen, dass das Forum kein Selbstausbeutungsbetrieb wird, wie das in der freien Szene teilweise üblich ist. Wir wollen hier ja nicht alle Grenzen sprengen, sondern Möglichkeiten ausschöpfen. Die Stipendiaten haben natürlich die Möglichkeit, auch nachts weiter zu experimentieren, die Räume und andere Infrastrukturen stehen ihnen jederzeit zur Verfügung.

J.S.: Wie ist, innerhalb des Hauses die Wahrnehmung, Akzeptanz und vor allem die Wertigkeit dieser Projekte in den eigenen Reihen? Wird das Forum im Haus wahrgenommen?
Zehelein: Das Forum ist weit vom Opernhaus entfernt, und somit hat es wiederum keinen direkten Bezug, und betrifft die Beschäftigten am Haus nur marginal. Doch ich denke, es spricht für sich, wenn bei Vorstellungen im Forum immer wieder Künstlerinnen und Künstler aus dem Ensemble, dem Chor oder dem Staatsorchester da sind, um zu sehen, was da passiert. (Text weggelassen)

J.S.: Wie unterscheidet sich das Forum von zeitgenössischen Produktionsstätten?
Zehelein: Der Unterschied ist ganz einfach der, dass das Forum den Künstlern die Möglichkeit zur kontinuierlichen Arbeit an Projekten bietet. Im Moment laufen beispielsweise wieder Gespräche mit Lucia Ronchetti, einer Komponistin, die auch schon am ersten Projekt beteiligt war, und die im Dezember wieder am Forum arbeiten und ihre neue Komposition ‚Last Desire’ uraufführen wird. Es geht darum, dass die Künstler mit der vorhandenen Infrastruktur und den technischen Möglichkeiten weiterexperimentieren können, und nicht ein Projekt machen und dann wieder abreisen.

J.S.: Aus welchem Grund kam man von der Arbeit in Produktionsblöcken und dem fest terminierten Lehrbetrieb ab?
Zehelein: Dieses Problem hat mit unserer Zusammenarbeit und unserem Vertrag mit dem ‚ensemble recherche’ zu tun. Mit dem Ensemble war es terminlich unmöglich, eine solche Arbeit in Probenblöcken zu realisieren. Auch der Lehrbetrieb mit dem Ensemble stellte sich aus terminlichen Gründen als sehr schwierig heraus. Wir werden in Zukunft zwar weiter mit dem ‚ensemble recherche’ arbeiten, aber nicht mehr bei allen, sondern nur bei einzelnen großen Projekten. Das Problem für die Arbeit in Zeitblöcken war also hauptsächlich ein Dispositionsproblem. Es war aber dennoch auch beim ‚Voyeur’ ein langer Entstehungsprozess, der inhaltlich immer wieder hinterfragt wurde. Jörg Mainka war als Stipendiat auf Solitude, und hatte damals die Arbeit am ‚Voyeur’ begonnen. Als die Anfrage von uns kam, hat er sie wieder aufgenommen. Durch die Zusammenarbeit mit Regine Elzenheimer hat sich auch wieder viel Neues ergeben. So hat auch die Arbeit an ‚Voyeur’ insgesamt über zwei Jahre gedauert, in denen ein ursprünglicher Gedanke immer wieder überdacht, verändert und mit Abstand neu überprüft werden konnte. Diese Entwicklung und das Reifen einer Arbeit soll auch in Zukunft ein wesentlicher Bestandteil sein.

J.S.: Wie wird das in Zukunft mit dem Lehrbetrieb gehandhabt?
Zehelein: Nicht alle Künstler können und wollen ihre Arbeit auch vermitteln. Und doch ist es uns gelungen, beispielsweise Salvatore Sciarrino, der lange in Italien unterrichtet hat, sich aber dann vom Lehrbetrieb verabschiedet hat, wieder dazu zu bringen, seine kompositorische Arbeit am Forum als Dozent zu vermitteln und Kompositionsseminare zu veranstalten. Diese Form der Vermittlung bei uns hat ihn interessiert und ihn dazu gebracht, am Forum zu lehren. Auch Manuel Poletti vom IRCAM Paris hat in einer kleinen Arbeitsgruppe mit Stipendiaten seine Arbeit mit der Elektonik vermittelt. Das Forum arbeitet mit dem ZKM und dem IRCAM zusammen, was auch für den Lehrbetrieb sehr interessant ist. Wir wollen diesen Lehrbetrieb jedenfalls aufrecht erhalten und die pädagogische Ausrichtung wieder verstärken, vor allem in kleineren Gruppen soll ein Austausch stattfinden.

J.S.: Ist das neue Konzept durch die Annahme von Vorschlägen und Anträgen nicht viel passiver?
Zehelein: Das kann man so nicht sagen. Das Forum bleibt aktiv dadurch, dass wir genau auswählen, was bei uns stattfinden soll und was nicht. Es ist nicht unbedingt die Aufgabe des Forums, Ideen für Projekte zu entwickeln. Natürlich ist das ein Zusammenspiel von Projektauswahl und eigenen Vorschlägen zur Weiterentwicklung, die der Künstlerische Leiter des Forums Andreas Breitscheid und seine Mitarbeiter absichern helfen.

J.S.: Was bedeutet der Ort für die Infrastruktur und Kommunikation mit der Oper?
Zehelein: Wenn auch die Vernetzung des Forums mit dem Opernhaus selbst nicht unsere wichtigste Aufgabe ist, so ist die gegenseitige Wahrnehmung in künstlerischer und technischer Hinsicht deutlich: Erst durch das Kennenlernen des Studio azzurro aus Mailand durch das Forum, konnten wir eine Zusammenarbeit zur ersten Premiere der Spielzeit 2004/05 im Opernhaus, „Neither“ von Morton Feldman und Samuel Beckett, produktiv angehen. Der Ort des Forums auf dem Römerkastell ist ein großes Problem für unser Publikum. Um mit öffentlichen Verkehrsmittel ins Forum zu gelangen, muss man zweimal umsteigen, und dann auch noch zu Fuß durch den Hallschlag gehen. Der Hallschlag ist ein sozialer Brennpunkt. So gibt es Überlegungen, einen Shuttle-Bus von der Oper aus bis ans Forum fahren zu lassen, der dann nach der Vorstellung vom Forum wieder in die Stadt fährt.

Ende des Interviews.

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