Johanna Schweizer / Projektkoordination Kultur

Interview mit Michael Mihatsch, Ministerialrat des Bayerischen Staatsministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kultur

Telefoninterview
Datum: 4. Februar 2005
Dauer des Gesprächs: 46 Minuten

J.S.: Was ist für Sie das Ziel staatlicher Kulturpolitik?
Mihatsch: Das Ziel staatlicher Kulturpolitik kann man in drei Bereiche gliedern. Das eine ist das Setzen von Rahmenbedingungen rechtlicher Art, von Gesetzen und anderen Vorschriften, die der Kultur eine freie Entfaltung ermöglichen, und sie schützen. Das fängt an mit den ganzen Gegebenheiten des Steuerrechts, des Urheberrechts, des Verlagsrechts, aber auch der Vorschriften zum Schutz des geistigen Eigentums, und so weiter. Das ist der ganze Bereich Rahmenbedingungen. Der zweite Bereich ist der Betrieb von Kultureinrichtungen, die der private Sektor nicht leistet und nicht leisten kann, weil sie zu personalintensiv sind, namentlich der Theater und Opernhäuser. Und das dritte ist die Förderung der Kultur in allen Facetten, im außerstaatlichen Bereich, also bei den Kommunen, den privaten- und freien Gruppen, Verbänden, Vereinen und so weiter. Also die Kultursubvention im eigentlichen Sinne, auch wenn das die Kulturleute zurecht nicht gerne hören. Sie hätten jetzt, wenn Sie nach dem Zweck fragen, lieber etwas metaphysisches gehört, eine Art Überbau. Wenn Sie ein Credo, eine Art Regierungserklärung zu den Inhalten hören wollen, nach dem Motto „Fördern was es schwer hat“, oder „Fördern von Experiment statt von Bewährtem“. Das sind alles Facetten, aber wenn es eine Runde Antwort werden soll, da müsste man jetzt wirklich erst mal tief in sich gehen.

J.S.: Ist das Ziel der Kulturpolitik zu fördern oder mitzugestalten?
Mihatsch: Das Gestalten sehe ich sehr zurückhaltend. Der Staat hat nach dem Grundgesetz die Freiheit der Kunst zu beachten. Kunst wird nicht von Politikern oder Verwaltungsleuten gemacht, sondern Kunst wird von Künstlern gemacht. Unsere Aufgabe ist es zu ermöglichen. Wir sind Ermöglicher in dem ganzen Geschäft. Nicht Veranstalter und auch nicht Gestalter. Deswegen wäre ich da immer sehr vorsichtig, wenn von der kulturpolitischen Gestaltungsmacht der öffentlichen Hand die Rede ist. Schützen und Fördern, das sind die zwei Hauptaktivitäten. Natürlich kann man auch beim Fördern eigene Akzente einbringen. Das muss die Kulturpolitik zweifellos. Sie muss Kriterien definieren, sie muss Zielsetzungen formulieren, aber das alles immer nicht als Kunstrichter, Stilbildner, oder im pointierten Bekenntnis zu einer spezifischen Richtung, sondern immer getragen und bezogen auf Vielfalt und Ermöglichung dieser Vielfalt. Keine Festlegung nur ausschließlich auf bestimmte Ziele und Ästhetiken. Wir können nicht dem Opernhaus hier in München vorschreiben, was es zu spielen hat und in welche Richtung es sich zu bewegen hat. Das ist die ureigenste künstlerische Entscheidung des Intendanten, der Verantwortlichen. Ob jetzt wie bei Herrn Jonas Händel im Mittelpunkt steht, oder ob wie bei Herrn Zehelein in Stuttgart der Akzent ganz klar auf dem Zeitgenössischen aber auch dem Musiktheater für Jugendliche liegt. Das muss jeder Theaterleiter wissen. Der Staat muss es dann wissen, wenn er ihn gewinnt. Wenn eine Intendantenberufung ansteht, muss ich wissen, welches bestimmte Profil welche bestimmte Ausrichtung die Person verkörpert, die ich gewinne. Da kann ich die Weichen stellen. Wenn sie mal gestellt sind, ist mit der Gestaltungskompetenz wirklich schnell vorbei.

J.S.: Welche Aufgabe und welche Funktionen hat die Oper als Institution Ihrer Meinung nach?
Mihatsch: Als Institution hat sie die Aufgabe, sich dem musikdramatischen und choreographischen nicht nur eben Erbe sondern Schaffen insgesamt von den Anfängen dieser Gattung vor vierhundert Jahren bis zur Gegenwart anzunehmen. Unter bestmöglicher Qualität dieses einmalige Gesamtkunstwerk Oper, wo eine Fülle von künstlerischen und nicht künstlerischen Berufen und Fähigkeiten zusammenkommen, zu gewährleisten. Einen möglichst umfassenden Überblick für das Publikum über das Schaffen auf dem Gebiet der Kunstform Oper mit allen Verästelungen. Das ist der Auftrag. Den haben wir auch versucht in unserer Grundordnung festzuhalten, die wir für die Staatstheater hier formuliert haben. Aber das kann man nur versuchen zu formulieren, das ist zugegeben sehr allgemein.

J.S.: Es gibt also eine Grundordnung, in der der Kulturauftrag an die Theater festgeschrieben ist. Werden in diesem Kulturauftrag des Landesministeriums an die Staatsoper auch qualitative Ziele formuliert?
Mihatsch: Das ist letztlich nur der eine Satz, ansonsten ist diese Grundordnung ein sehr trockenes Verwaltungsregelwerk, wo drin steht wie die Zuständigkeiten sind, wie die Strukturen funktionieren. Aber es steht in der Tat auch drin, dass die Staatstheater diesen Auftrag haben, die musikdramatischen und choreographischen Bühnenwerke aus allen Epochen einschließlich der zeitgenössischen Werke in den Spielplänen zu berücksichtigen. Das ist der einzige Satz, wo der Kulturauftrag in einer sehr großen Allgemeinheit verdichtet wird. Wie die Intendanten ihn dann vor Ort auslegen, wird aber nicht durch eine Zielvereinbarung kontrolliert oder überwacht, sondern da sind sie wirklich vollständig frei. Unter diesen allgemeinen Oberbegriffen können sie auch letztlich alles subsumieren. Es sei denn, einer würde jetzt wirklich nie etwas Zeitgenössisches machen, dann könnte man sagen, der hat in der Tat gegen diese Vorschrift verstoßen, aber da sind die Intendanten selber aus eigenem Interesse immer Willens.

J.S.: Sind im Vertrag des Intendanten qualitative Zielvereinbarungen formuliert?
Mihatsch: Nein, im Vertrag wird auf die Geltung der Grundordnung Bezug genommen. Die gilt allgemein, nicht nur für die Staatsoper, sondern für alle Staatstheater gleichermaßen. Die Intendantenverträge bei uns enthalten ausschließlich Regelungen der persönlichen Konditionen, also von der Vergütung bis zum Urlaub und von den Dienstreisen bis zur Versicherung und Altersversorgung. Nichts inhaltliches. Weder in monetärer Hinsicht, welcher Etat steht zur Verfügung, noch in künstlerisch-inhaltlicher Hinsicht wird dort so etwas festgeschrieben.

J.S.: Gibt es quantitative Vereinbarungen zwischen Ministerium und Theater, z.B. eine festgelegte Anzahl an Premieren?
Mihatsch: In der Grundordnung gibt es die Aussage, dass die Theater möglichst täglich spielen sollen. Insofern ist das eine quantitative Vereinbarung. Die Praxis lehrt, dass das aus vielfältigen Gründen gar nicht mehr möglich ist. Aber die Zahl der Premieren ist nirgends vorgegeben. Das richtet sich nach den Gegebenheiten des Haushalts. Wir leben in einer Zeit massiver Haushaltskürzungen, und in der Tat hat das beispielsweise bei der Staatsoper hier in München dazu geführt, dass in den letzten beiden Spielzeiten je eine Premiere, die schon geplant war, durch eine Wiederaufnahme des gleichen Stücks in alter Inszenierung aus Geldmangel ersetzt werden musste. Da wäre es jetzt natürlich fatal zu sagen, „ihr habt die Zahl der vorgeschriebenen Premieren nicht erhöht“, wo wir als Geldgeber ursächlich dafür sind. Da sind die Theater auch vollständig frei, im Rahmen des Haushalts zu entscheiden, machen wir fünf oder sieben oder zehn Premieren.

J.S.: Welche Ziele sollten staatliche Theater verfolgen?
Mihatsch: Das Ziel der Theater ist, ihre Aufgabe zu erfüllen. Eine ganz profane Aussage: das Ziel ist, dass jeden Abend der Vorhang aufgeht. Das ist runtergebrochen auf das Alltägliche. Wenn man es überhöht, ist das Ziel, dass die Staatstheater ihrer Aufgabenstellung gerecht werden. Unterbrechung des Interviews, Fortführung am 10.02.2005

J.S.: Gibt das Ministerium der Staatsoper eine Richtung oder einen Schwerpunkt vor? Zum Beispiel Kindertheater oder Zeitgenössisches?
Mihatsch: Nein. Der einzige Auftrag, den wir in sehr allgemeiner Form geben, in förmlicher Natur, das ist diese eine Vorschrift in der Grundordnung, wonach der Spielplan möglichst flächendeckend alle Epochen abdecken soll. Da steht ausdrücklich drin „unter Berücksichtigung zeitgenössischer Werke.“ Insofern ist der Auftrag formuliert. Was aber nicht ausschließt, dass man in einer Ebene davor bei den Vertragsverhandlungen mit den Intendanten auslotet und selbstverständlich ausloten muss, wie die sich das Profil des jeweiligen Theater vorstellen. Nun ist bei der Oper die Profilbildung eigentlich gar nicht so schwer. Es gibt ein typisches Kernrepertoire, das muss erst mal bedient werden und darum rankt sich dann die spezifische Linie des jeweiligen Intendanten. Im Moment haben wir hier einen Intendanten der sehr stark auf das Thema Händel setzt, mit einer ganzen Serie. Der nächste Intendant und vor allem sein GMD kommen mehr aus der zeitgenössischen Schiene, die werden mit Sicherheit einen Schwerpunkt bei dem Thema setzen. Unser neuer Präsident an der Theaterakademie, der Herr Zehelein, vorher in Stuttgart, hat gesagt, „ich mache das aber nur, wenn ich auch das Mandat kriege, schwerpunktmäßig Kinder- und Jugendarbeit zu machen.“ Da haben wir gesagt, „jawohl, einverstanden, das ist sogar sehr in unserem Sinne.“ Also auf der Ebene läuft das, aber nicht auf der Ebene irgendwelcher schriftlicher oder normativer Anweisungen.

J.S.: Welchen Stellenwert haben jeweils Repertoirepflege und auf der anderen Seite die Weiterentwicklung des Musiktheaters durch Uraufführungen im Auftrag der Theater?
Mihatsch: Man kann nicht sagen, das eine ist wichtiger als das andere, oder so und soviel wichtiger als das andere, sondern beides ist wichtig und beides ist im Auftrag enthalten, Repertoirepflege muss sein, das ist der Kernbestand, auch wenn man das ganze aus fiskalischer Sicht betrachtet. Irgendwo müssen die Einnahmen herkommen, und die kommen erfahrungsgemäß nicht oder nur in ganz seltenen Fällen von zeitgenössischen Produktionen. Aber selbstverständlich kann sich der Kulturauftrag nicht nur in dem erschöpfen, das zu spielen, was das Publikum gerne sieht, sondern da kommt das Thema Zeitgenössisches und Avantgarde hinzu, und das muss auch seinen Stellenwert haben, in einem Mischungsverhältnis, was nur die Theaterleitung selber letztlich definieren kann. Das ist nicht vorgegeben.

J.S.: Sind Staatsopern dazu verpflichtet, die Entwicklung des zeitgenössischen Musiktheaters zu fördern?
Mihatsch: Aber ja. Ausdrücklich. Und wie gesagt, das ist auch das einzige, was klar in unserer Grundordnung drinsteht, dass ein angemessener Anteil zeitgenössischer Produktionen vorgesehen werden muss.

J.S.: Wie stehen Sie zu der Aussage „staatliche Förderung in Theatern sind zum großen Teil Risikoprämien“?
Mihatsch: (zögert) Hm (...), mit der Förderung geht es schon los. Wir fördern ja die Staatsoper nicht, sondern sie wird betrieben vom Staat. Sie ist eine staatliche Einrichtung. Anders als eine Förderung, die ein privater oder ein kommunaler Betreiber erhält. Der Staat betreibt eine eigene Institution, wie er Schulen und Hochschulen und Krankenhäuser und vieles andere mehr betreibt. Und „Förderung als Risikoprämie“ – das Risiko wohnt der Kunst immer inne. Wenn der Staat sich auf dem Gebiet der Kunst als Betreiber geriert, dann tut er das mit Sicherheit mit höherem Risiko, als wenn er eine Straßenbaumeisterei betreibt, weil da sind Aufwand und Ertrag sehr gut kalkulierbar. Und beim Theater und bei der Kunst ist das nur sehr schwer kalkulierbar oder vorhersehbar. Das ist wohl das Risiko, nach dem Sie fragen. Das inhaltliche, künstlerische Risiko des Erfolgs und damit auch irgendwo des wirtschaftlichen Erfolgs ist natürlich schwer messbar. Insofern würde ich die Aussage durchaus mit nachvollziehen können.

J.S.: Also dadurch, dass die Institution staatlich betrieben wird, haben die Theatermacher mehr Freiheit als in privaten Theatern?
Mihatsch: Mit Sicherheit. Das ist der sehr erfreuliche Unterschied zur Situation etwa in der USA, wo der staatliche Sektor nur ganz gering ausgeprägt ist, und die überwiegenden Gelder an der Ticketbox und von Sponsoren eingeworben werden müssen. Da sind die Abhängigkeiten natürlich viel stärker als bei uns. (Text weggelassen) Davon sind wir Gott sei Dank himmelweit entfernt. Insofern ist die Beobachtung völlig richtig.

J.S.: Wie kam es damals zu der Entscheidung für den Intendanten Sir Peter Jonas, aus welchen Gründen wurde er und nicht ein anderer an die Bayerische Staatsoper geholt?
Mihatsch: Das weiß ich nicht, weil ich damals noch nicht zuständig war. Den habe ich wenn sie so wollen schon vorgefunden (lacht).

J.S.: Gibt es konkrete politische Initiativen zur Förderung von zeitgenössischem Musiktheater in Bayern?
Mihatsch: Abgesehen davon, dass wir mit wirklich erheblichem Aufwand die Bayerische Staatsoper und das Staatstheater am Gärtnerplatz als zwei staatliche Musiktheater betreiben, und diese einen nennenswerten Anteil des Spielplans auch dem Zeitgenössischen widmen, gibt es darüber hinaus die Möglichkeit der Förderung von zeitgenössischem Musiktheater in nichtstaatlicher Trägerschaft. Das versuchen wir durchaus anzureizen, etwa durch Kooperationen mit der Münchner Biennale, wo immer wieder mit den Staatstheatern zusammengearbeitet wird. Aber auch durch gezielte Zuschüsse, etwa über unseren Kulturfonds Bayern. Der zeitgenössische Anteil an dem, was da an Projekten außerstaatlicher Träger passiert, ist dabei aber in der Tat sehr übersichtlich. Denn wenn sich ein Privattheater aufrafft, einen Projektantrag zu stellen, dann ist das in aller Regel für eine ‚Tosca’ oder ähnliches. Also an Zeitgenössisches wagen die sich natürlich auch wieder wegen des wirtschaftlichen Risikos nicht so gerne heran.

J.S.: Kann man Projekte jeglicher Art einreichen?
Mihatsch: Der Kulturfonds ist sehr offen gestalten. Man kann Projekte jeglicher Art einreichen. Nicht nur im Theaterbereich, sondern in allen möglichen Kunstgattungen.

J.S.: Welche Rolle spielt das Ministerium bei den Kooperationen, worin besteht dessen Aufgabe?
Mihatsch: Da kommt die Biennale auf uns zu und sagt, „wir wollen dieses oder jenes Projekt realisieren, da brauchen wir eure Unterstützung personeller, räumlicher Art, und manchmal auch finanzieller Art“. Das ist dann eine echte Koproduktion. Jeder bringt was ein, die Biennale bringt in der Regel die ‚manpower’, die Organisation und die künstlerische Leitung ein. Wir staatlicherseits bringen uns mit unseren Ressourcen ein. Staatlicherseits bedeutet dabei von Seiten der Staatstheater, nicht von der Politik, denn das ist keine politische Entscheidung, sondern das ist eine Entscheidung der einzelnen Theater, ob sie mit der Biennale bei einem einzelnen Projekt zusammenarbeiten. Die Staatstheater bringen sich da mit ihren Ressourcen ein. Etwa die Hälfte der Biennale-Produktionen würde ich jetzt mal frech sagen, hängt davon ab, ob staatliche Einrichtungen mitmachen.

J.S.: Wie wird die Kultur im Ministerium strukturell verwaltet?
Mihatsch: Wir sind eine klassische Behörde mit einem Minister, mit sechs Abteilungen, von denen sich eine der Kultur widmet, und die ist wiederum untergliedert in sieben Referate. Leider, muss ich sagen, immer noch nach dem klassischen Spartendenken. Da gibt es einen, mit dem sie gerade sprechen, der fürs Theater da ist, und einen für die Museen und einen für die Denkmalpflege und so weiter. Quer durch alle Gattungen. Es fehlt an jemandem, der fürs Übergreifende zuständig ist, das macht dann der Abteilungsleiter in der Regel selber. Gremien in dem Sinn haben wir im Ministerium selber nicht, aber natürlich jede Menge an Gremien, deren wir uns bedienen können, wenn es um Beratung in Einzelfällen geht. Für Preisverleihungen, Stipendien, und beim Kulturfonds, wenn es um die Vergabe der Mittel geht, gibt es kein eigenes Gremium, aber da gibt es unsere Fachbehörden und Fachverbände in Bayern, die wir befragen. Da behilft man sich von Fall zu Fall unterschiedlicher Instrumente. Ein festes Gremium zur Beratung in Kulturfragen, wie es der Rat der Künste in Berlin zum Beispiel mal war oder immer noch ist, den gibt es bei uns nicht.

J.S.: Die Entscheidung über die Verteilung der Gelder für die verschiedenen Schwerpunkte innerhalb des Theaters liegt ganz in den Händen der Intendanten. Vergeben Sie auch Mittel an Staatstheater, die projektbezogen sind?
Mihatsch: Nein. Die Staatsoper ist von der Rechtsform her noch ein Regiebetrieb, also in ganz altem, kameralistischen System, mit intern weitgehend optimierten Freiheiten. Aber ein Kernpunkt der Freiheit und der Autonomie, auf die sowohl wir als auch die Opernleitung Wert legen ist, dass die konkrete Verwendung der Mittel in keiner Weise weder bestimmt definiert noch kontrolliert wird. Kontrolliert wird sie im Sinne der Rechnungsprüfung, das heißt, die Theater dürfen nicht irgendwelche sachfremden Dinge mit dem Geld machen, das der Staat ihnen anvertraut. Aber ob die Oper jetzt im Rahmen ihres Budgets Händel spielt oder Henze, das ist ihr überlassen. Unterm Strich soll auf Grund des Auftrages aus der Grundordnung ein angemessener Anteil an Zeitgenössischem da sein, der ist nicht näher quantifiziert. Da steht nicht drin, von sieben Premieren im Jahr muss eine sich den zeitgenössischen Komponisten widmen. Das ist nicht der Fall, sondern das stellt man ins Ermessen des Intendanten, und der ist selbst in aller Regel in eigenem Interesse daran interessiert, weil er auch das Feuilleton ins Haus bringen will, und die wiederum den Stellenwert eines Hauses sehr stark festmachen an der Frage, wie stark sich ein Opernhaus mit zeitgenössischer Musik beschäftigt. Letztlich gibt es da auch keinen Grund nachzuhaken, weil aus eigenem Interesse der Spielplan immer irgendwelche zeitgenössischen Dinge enthält. (Text weggelassen) Spezielle Projektmittel haben wir in dem Sinne nicht, auch das ‚festspiel+’ ist keine Idee von uns gewesen, sondern des Intendanten. Der sagte, ich will das machen, ich will diese Schiene besetzen, ich entwickle da ein eigenes Konzept, und ich finanziere das aus meinen Bordmitteln, und werbe soweit die nicht ausreichen Sponsorengelder dafür ein. Eine spezielle staatliche Sonderfinanzierung dafür gibt es nicht. Die Staatsoper hat einen Etat von inzwischen 80 Millionen Euro. Innerhalb dieses Etats können sie Schwerpunkte setzen, wie sie wollen, aber irgendwo noch eine Extrawurst oben drauf gibt es nicht.

J.S.: Wenn es zu Einsparungsmaßnahmen kommt, wie und über was wird dann diskutiert?
Mihatsch: Auch das ist relativ einfach. Das ist die Kehrseite der Autonomie ins Negative. Bei einer Einsparmaßnahme wird nicht vorgegeben, wo die Einsparung zu erbringen ist, sondern nur, dass sie zu erbringen ist. Das ist alleine schmerzlich genug für die Theater, aber immerhin können sie selber dann sagen, „uns ist wichtiger an ‚festspiel+’ festzuhalten, und dafür aber die Idee einer neuen Zauberflöte zu verwerfen und die alte Zauberflöte nur als Wiederaufnahme herauszubringen.“ Das ist in der Tat so geschehen. Wir hatten im Jahre 2003 erstmals die Situation, dass der Staatsoper die Mittel gekürzt wurden. Sie stand dann vor der Situation, wie sie damit umgeht, und hat sich dann dahingehend entschieden, dass man eben nicht ‚festspiel+’ opfert, vielleicht etwas einschränkt aber nicht opfert, sondern das Opfer ganz plakativ erbringt, durch Ersetzung einer Opern- und einer Ballettneuproduktion durch Wiederaufnahmen. Das hat einen nennenswerten Teil der Einsparungssumme letztlich dann auch erbracht.

J.S.: Wie funktioniert denn die Kommunikation zwischen Theaterleitung und Politik. Gibt es generell inhaltliche Gespräche zwischen Politikern und Theaterleitung,, gibt es Diskussionen?
Mihatsch: Also da sind die Sensibilitäten so groß, dass (...) Also wenn sie nach der Politik fragen – die Frage kann ich nicht beantworten, denn ich bin hier Verwaltungsbeamter. Der Politiker ist der Minister, und der spricht selbstverständlich regelmäßig mit seinen Intendanten, aber da ist der Beamte nicht dabei. Ich kann ihnen nicht sagen, über was die sprechen. Ob man da auch inhaltliche Dinge äußert, Wünsche, Vorstellungen, Ideen, keine Ahnung, das weiß ich nicht. Soweit ich dabei bin oder war, tut oder tat er es in aller Regel nicht. Eben aus Respekt vor der Autonomie, und der Beamte tut es schon zweimal nicht, weil uns das schlicht und einfach das nicht zukommt. Die Sensibilitäten sind da zu Recht sehr stark ausgeprägt. Nicht nur was den Spielplan anbelangt, auch was Personalfragen anbelangt. Also die Zeiten, in denen aus dem Ministerium der Wink kam, mal die Sängerin sowieso oder den Schauspieler sowieso zu engagieren, die sind längst vorbei. Da hält man sich wirklich absolut bedeckt. (Text weggelassen) Auch das ist letztlich eine Folge der Autonomie. Da ist ein Stück weit auch der Mut nicht zu sagen, „ihr müsst das machen“, weil dann sofort die Antwort kommt, „das geht euch gar nichts an was wir machen oder nicht“. (Text weggelassen)

J.S.: Wie stehen Sie zur Reihe ‚festspiel+’?
Mihatsch: Persönlich oder vom Ministerium aus?

J.S.: Vom Ministerium aus.
Mihatsch: Also ich gebe jetzt eine ganz staatsmännische Antwort. Ich glaub das ist mit Sicherheit ein Projekt, das in den letzten Jahren zur Identifizierung der Opernfestspiele als eine eigene Entität sehr stark beigetragen hat. Denn es war bis Dato in der Tat so, dass die Opernfestspiele hier in München kaum als solche wahrgenommen wurden, sondern eher als Fortsetzung der ganz regulären Spielzeit zu teureren Preisen. Und ‚festspiel+’ aber auch einiges andere, z.B. ‚Oper für alle’, dieses Projekt von der gegenwärtigen Intendanz, hat sicher dazu geführt, dass die Festspiele einen unverwechselbaren Bestandteil, ein Segment dazubekommen haben, das sie jetzt als Festspiele eher erlebbar macht, als das vorher der Fall war. Insofern ist das uneingeschränkt zu begrüßen. Die Frage, ob da alles, was da stattfindet, immer unmittelbar mit dem Auftrag der Staatsoper zu tun hat, darf man so formell nicht stellen. Also manchmal konnte man sich in der Vergangenheit sicherlich fragen, ob das vorführen von Filmen irgendwo in der Muffathalle als Bestandteil von ‚festspiel+’ Gegenstand des Kulturauftrags der Bayrischen Staatsoper ist. Aber das ist eher eine Frage, die ich mir jetzt persönlich gestellt habe, die also keinerlei Auswirkungen auf die Wertschätzung von ‚festspiel+’ in amtlicher Hinsicht hat. Nicht dass sie mich da missverstehen. Es hat auch nie jemand von hier thematisiert, auch in sofern ist die Theaterleitung ganz an der langen Leine. Es hat niemand gesagt, „ihr müsst das machen“, es hat auch keiner gesagt, „ihr dürft das nicht machen“. Sondern sie haben es einfach gemacht, und es kommt gut an, insbesondere beim Feuilleton. Mal sehen, ob es die neue Intendanz in der Form fortsetzt.

J.S.: Hat sich ‚festspiel+’ gut etabliert im Laufe der sechs Jahre?
Mihatsch: Es hat sich (zögert) wohl etabliert. Das kann man schon so sagen. Es hat sich in der Wahrnehmung auch des Publikums etabliert, und es würde sicherlich moniert, wenn es nicht oder nicht in dieser Form fortgesetzt werden würde. Wenn das also auf Betreiben des Staates erfolgen würde. Ob und wie der neue Intendant das fortsetzt, das ist seine Entscheidung, und das hat er dann zu rechtfertigen gegenüber dem Publikum und der Presse. Wir werden den Teufel tun, zu sagen „lasst da die Finger weg“. Das haben wir nicht gemacht und das werden wir auch nicht machen.

J.S.: In welchen Foren werden denn die Ansichten und das Verständnis von Kultur aus Sicht des Ministeriums der Öffentlichkeit vermittelt, außer in der schon genannten Grundordnung? Gibt es spezielle Publikationen oder Diskussionsforen?
Mihatsch: Die gibt es mit Sicherheit, aber das ist eine Frage, die sie jetzt nicht unbedingt dem Ministerium stellen müssten. Wir veranstalten vom Ministerium her gar nichts. Das Ministerium ist ja anders als ein kommunales Kulturreferat, das sehr oft auch in der Rolle des Veranstalters auftritt, überhaupt selber nie Veranstalter. (Text weggelassen) Selber als Veranstalter aufzutreten, sei es von Kunstveranstaltungen oder auch nur von Diskussionsveranstaltungen, das ist nicht die Aufgabe des Ministeriums.

J.S.: Und Publikationen, in denen die Ziele des Ministeriums im Kulturbereich vorgestellt werden?
Mihatsch: Ja, ja, der alte Drang nach einem Plan. Also das ist unserem Denken völlig fremd. Da mache ich aus meinem Herzen keine Mördergrube. Kunstpolitik oder Kulturpolitik wird in Bayern nicht nach Plan gemacht. Gott sei Dank. Und auch nicht nach irgendeiner Konzeption. Sondern ganz überwiegend als Echo auf die Bedürfnisse der Klientel und der Szene. Wir haben ja auch ganz am Anfang über die Kulturgestaltungsmacht der Politik gesprochen, und da haben Sie meine zurückhaltende Antwort schon vernommen, und die gilt jetzt noch zurückhaltender, wenn es um Pläne geht. Ich bin felsenfest der Überzeugung, die Planwirtschaft ist schon im Ostblock gescheitert, und wir brauchen sie nicht in der Kultur zu wiederholen. Ich kann Pläne voll schreiben mit gedanklichen Luftblasen, wie ich will. Gelebt werden, gestaltet werden muss die Kultur von denen, die sie machen. Die richten sich zuallerletzt nach einem vom Staat verordneten Plan. Ich habe auch diese Kunstkonzeption von Herrn Rettich aus Baden-Württemberg aus den goldenen 80er Jahren, da waren noch andere Zeiten, der konnte noch etwas an neuen Initiativen gestaltend auf den Weg bringen, weil einfach die materiellen Mittel vorhanden waren. Insofern haben sich die Rahmenbedingungen vollständig geändert. Also im Moment, bzw. seit ich das hier mache, also seit zehn Jahren jetzt, besteht unser Job nur im schlagen von Abwehrschlachten. Einer nach der anderen. Ganz wenige Farbtupfer sind möglich für neue Initiativen, die haben sich in Bayern nun, weil es von der Politik als Schwerpunkt gesehen wurde, in den letzten zehn Jahren vor allem auf den Museumsbereich konzentriert. Da ist also im Theaterbereich, wenn sie von der Gründung der Bayerischen Theaterakademie mal absehen, an neuen Aufbrüchen, Gründungen, Initiativen wenig zu vermelden. Insofern brauche ich auch für das wenige letztlich keinen Plan. Denn mein Plan besteht darin, das bestehende mit mehr oder minder großem Erfolg ins nächste Jahr zu retten, wenn sie so wollen. Das klingt jetzt vielleicht etwas zynisch, aber im Kern geht es um die Wahrung des Bestehenden, seine behutsame Weiterentwicklung, aber nicht um große planerische Konzepte, weil wir dafür einfach das Geld nicht haben.

J.S.: Also mehr ein Reagieren als ein Agieren?
Mihatsch: Ja, aber noch mal grundsätzlich, auch wenn wir in Geld schwimmen würden, müsste das Geld eher reaktiv ausgegeben werden, nämlich dort, wo uns die Fachleute aus der Kultur sagen, wo es gut angelegt ist. Und nicht dort, wo die Politik sich irgendwo am grünen Tisch ausdenkt, sich selber irgendein Denkmal zu setzen. Insofern bin ich ganz skeptisch mit der Kulturgestaltungskompetenz des Staates. Er kann nicht der Kultur vorschreiben, wann und wo und in welchen Formen sie sich zu entwickeln hat. Er kann und muss darauf reagieren, wie sich die Kultur entwickelt, und das Bestmögliche tun, dass sie sich frei und möglichst nach ihren eigengesetzlichen Gestaltungskräften entwickeln kann.

Ende des Interviews

( > Download )