Johanna Schweizer / Projektkoordination Kultur

Interview mit Cornel Franz, Konzeptberatung ‚festspiel+’, Bayerische Staatsoper

Ort: München
Datum: 28. Dezember 2004
Dauer des Gesprächs: 71 Minuten

Einstieg ins Interview entwickelt sich aus dem Gespräch.

Franz: Ich mache das schon seit Jonas da ist. Diese Schiene, wie es auch immer heißt, ‚Labor’ oder ‚festspiel+’. Aber es ist ein Nebenjob und keine volle Stelle. Ich bin freier Mitarbeiter, im Gegensatz zu den beiden anderen Reihen, die Sie untersuchen. Dort sind die künstlerischen Leiter jeweils voll engagiert. Das ist natürlich eine kulturpolitische Entscheidung zu sagen, dass angesichts der Haltung des Ministeriums so etwas riesiges, wie es Stuttgart macht, gar nicht möglich ist. Es trifft sich aber für mich ganz gut, denn auf der einen Seite habe ich eben die Lehre, als Studiendekan von der Regieausbildung der bayrischen Theaterakademie, und dann diese Arbeit im professionellen Lager. (Text weggelassen)

J.S.: Wodurch entstand die Initiative zur Gründung von ‚festspiel+’?
Franz: Jonas wollte einfach diese experimentelle Theaterschiene weitermachen, die es hier schon seit den 80er Jahren mal mehr und mal weniger gab. Dann haben wir uns kennen gelernt und darüber gesprochen, und dann hat er mich gefragt, ob ich das machen würde. Dann haben wir mit dem ‚Labor’ angefangen. Das ging auch sehr gut los, aber zeitgleich begann Frau Schweeger mit ihrem ‚Marstall’-Programm, und das war natürlich ein Programm vom Feinsten, auch von der Ausstattung her. Da konnten wir einfach nicht mithalten. Wir hatten schon ganz gute Projekte, die aber einfach untergegangen sind. Drei Jahre lang haben wir so gearbeitet, von 1993 bis 1996, und im Mai 1996 fand dann das letzte Projekt statt. Da ging es dann lustigerweise, wie es immer so ist, wieder richtig aufwärts, denn das waren wirklich außergewöhnliche Produktionen. Dann war 1997 nichts, und 1998 begannen wir mit ‚festspiel+’. (Text weggelassen)

J.S.: Die Struktur hat sich vom ‚Labor’ zu ‚festspiel+’ sehr verändert. Beim ‚Labor’ fanden regelmäßige Produktionen neben dem Opernbetrieb her statt, und ‚festspiel+’ findet nur einmal im Jahr während der Münchner Opernfestspiele statt. Aus welchem Grund wurde diese strukturelle Veränderung vorgenommen?
Franz: Das war schon ein kulturpolitischer Grund, und zwar der kulturpolitischer Grund der Bemerkbarkeit. Es ging darum, dass überhaupt bemerkbar wird, was da gemacht wird. Der zweite Grund war, dass wir aus dem Marstallgebäude raus konnten und im Prinzip überall spielen konnten. Und der dritte Grund ist, dass wir nicht nur Theater, in welcher Form auch immer, produzieren, sondern dass wir aus dem reinen Theaterbereich ausbrechen. ‚festspiel+’ ist ja nicht so sehr eine Maschinerie, die Eigenproduktionen konzipiert und dann auch durchführt, sondern etwas, wo sehr viele Sachen angerissen werden, und wo auch die Frage der Fantasie bei der Neubehandlung von Vorhandenem sehr wichtig ist. Der vierte Punkt ist, dass auf Grund der Festspiele auch ‚festspiel+’ einen thematischen Hintergrund hat und jeweils ein Thema bestimmt wird. Dieses Thema macht ‚festspiel+’ abhängig von jeweiligen Eröffnungspremieren, die in weiterem oder engerem Sinne immer damit zu tun haben. Und dass man versucht, wenigstens einige der Produktionen, die bei ‚festspiel+’ gezeigt werden unter diesen Themen laufen zu lassen. Bei Konzerten kann man das natürlich nicht machen. (Text weggelassen)

J.S.: Sie laden Künstler ein, für ‚festspiel+’ Produktionen zu machen. Findet auch eine Zusammenarbeit mit den Sängern und Künstlern vom Haus statt?
Franz: Ganz wenig. Wir versuchen von außen Leute reinzubringen. Manchmal kommt es schon zu einem Dialog, wenn noch Leute vom Haus mitmachen. Aber der große Unterschied ist der: die Oper ist eine Interpretationsmaschine, und wir sind eine Produktionsmaschine. Wir produzieren neu. Das ist die Hauptaufgabe. Bis auf die Konzertschiene natürlich, das ist wieder etwas anderes. (Text weggelassen)

J.S.: Wenn ich noch mal kurz eine sehr allgemeine Frage stellen darf: Welche Ziele verfolgen Sie mit ihrer zeitgenössischen Arbeit hier in München?
Franz: Wir verfolgen eigentlich das Ziel, aus diesen Festspielen wirklich Festspiele zu machen. Das ist ganz wichtig. Festspiele sind im Grund aufgemotztes Repertoire, plus ein oder zwei Premieren, das ist reine Interpretation. Was wir mit ‚festspiel+’ versuchen ist, Neues zur Diskussion zu stellen. Das ist in den ersten Jahren sehr gut bemerkt worden, dass die eigentlichen Festspiel-Aktivitäten im ‚festspiel+’ Programm stattfinden. Dass wir uns was trauen, dass wir mit Ruedi Häusermann arbeiten, mit dem wir sehr viel machen. Dass wir Jazz ins Haus holen, und dass wir Ausstellungen machen, mit Filmleuten arbeiten, etc. Das ist glaube ich sehr wichtig. Und intern ist für mich die Frage nach Produktionsformen sehr wichtig. Nach Produktionsformen, die sich von normalen Produktionsformen in einem Haus mit einem Interpretationsansatz unterscheiden. So hochstehend dieser auch ist, also ich finde David Alden unglaublich gut. Aber es ist was völlig anderes, wenn wir mit Andreas Ammer oder Ruedi Häusermann neue Stücke produzieren.

J.S.: Wählen Sie bewusst andere Strukturen und Probensituationen?
Franz: Ja, das ist ganz wichtig, dass man auch ein Gegenmodell hat. Heiner Goebbels arbeitet zum Beispiel auf ganz großem Niveau, und was der für Produktionsformen verlangt, um überhaupt ein neues Stück zu produzieren (...), das ist eben zum Beispiel die permanente Anwesenheit von allen. Das verkürzt erst mal die Probezeit und es entstehen außergewöhnlich kreative Prozesse, die vorher noch gar nicht absehbar sind.

J.S.: Was sind dann speziell hier die Produktionsformen?
Franz: Das ist von Stück zu Stück verschieden. Dann läuft das relativ schnell, also wir planen ja meistens von einem aufs nächste Jahr. Immer aufbauend aus den Erfahrungen, die wir aus den ‚festspiel+’-Monaten ziehen. Und dann geht es gnadenlos vom Inhaltlichen aus. Wenn ich sage, ich möchte gerne einen Abend über Karl Valentin machen, dann fängt man an über Valentin zu reden, wie und wo man das macht, und dann entsteht um diese Idee die ganze Produktionsform. Dann überlegen wir mit wem wir das machen wollen, in welcher Zeit und so weiter. Das ist etwas völlig anderes als wenn man sagt, ich habe ein Stück. Denn das Stück gibt es ja noch gar nicht. Das muss erst entwickelt werden. Und diese Art, wie die Stücke entwickelt werden, das ist das spannende und auch das völlig andere. Da braucht man in der Vorbereitung sehr viel Zeit, und der Produktionsprozess geht dann meistens sehr schnell.

J.S.: Wie lange proben Sie für eine Produktion? Kann man das so pauschal sagen?
Franz: Nein, das ist schwierig. Also wie lange haben wir für den Häusermann probiert, (zögert), vielleicht zweieinhalb Wochen? Länger wie drei Wochen eigentlich sowieso nie. Also relativ kurze Probenzeiten, aber es sind dann alle da. Im Vorfeld sind viele Besprechungen und Treffen, wo wir dann nicht vom Text reden, sondern von Spielvorlagen. Die Vorarbeit ist ziemlich groß, das ist ganz klar. Aber das kann unabhängig vom Ort passieren. Und wenn alles klar ist, dann geht es sehr schnell, weil dann alle Beteiligten dabei sind.

J.S.: Die Produktionen finden an ganz unterschiedlichen Orten statt.
Franz: Ja, wir produzieren an ganz unterschiedlichen Aufführungsorten.

J.S.: Wie viele Produktionen pro Festspielzeit finden denn statt?
Franz: Theaterproduktionen sind es eigentlich nicht so viele, denn der Etat ist relativ klein. Das sind mehr Zwischenbereichproduktionen und viele Konzerte. Da gibt es auch unglaublich spannendes Material. Und was in letzter Zeit ganz wichtig ist, ist die Frage nach Videos und Musik, da kann man viel mehr ausprobieren, als wenn man gleich eine Theaterproduktion macht. Dann gibt es auch Ausstellungen. Die haben natürlich immer mit dem großen Thema zu tun. Beim Thema ‚Mythos’ beispielsweise habe ich eine Ausstellung über Madonna gemacht. Ein ganz wichtiger Punk ist die Frage nach der Wahrnehmung. Das ist eine grundsätzliche Aufgabe auch von ‚festspiel+’, die Leute zu sensibilisieren für die Wahrnehmung. Die Madonna-Ausstellung im Nationaltheater war natürlich schon ein Knüller. Da sind wirklich ganz tolle Sachen passiert. Da haben sich ältere Damen vor der Tannhäuser-Aufführung noch Madonna-Videos reingepfiffen. Das war schon ziemlich gut. Die haben sich damit beschäftigt und hatten vielleicht beim rausgehen ein anderes Bild von dieser Frau. Das ist sehr komplex.

J.S.: Es geht also bewusst darum, Sparten und Grenzen zu überschreiten. Legen Sie auch Wert auf das experimentieren mit neuen Technologien?
Franz: Auch Technologien. Aber wichtig ist, es geht nicht um Technologien der Technologie willen, sondern es geht wirklich um die Frage nach Wahrnehmungssensibilisierung. Ein wunderbares Beispiel dafür ist, was wir 2000, am 250sten Todestag von Bach gemacht haben. Bei ‚festspiel+’ haben wir in der Baustelle einer Kirche die Johannespassion aufgeführt. Johannespassion kennt natürlich jeder, es war eine gute Besetzung mit Ivor Bolton, englische Musiker, englischer Chor und internationale Solisten. Aber gerade in München, ausgerechnet Johannespassion, die kriegt man in der Karwoche ja drei bis vier mal in verschiedenen Interpretationen. Was da ganz spannend war, und da haben mich auch viele darauf angesprochen, war, dass die Leute das anders gehört haben. Einfach durch dieses Ambiente und diesen Ort. Das war völlig irre.

J.S.: Die Orte spielen für die Wahrnehmungssensibilisierung eine wesentliche Rolle?
Franz: Ja, die Orte spielen eine sehr wesentliche Rolle. Genau was wir jetzt auch dieses Jahr gemacht haben: 2004 haben wir einen Abend entwickelt über Karl Valentin, den Meister des Kleinteiligen. Veranstaltungsort war ein Fußballstadion, also möglichst das Größte was es gibt. Das hat sehr gut funktioniert und kam unglaublich gut an. Wir wollten zwei Vorstellungen machen, konnten das aber nicht, weil es bei der zweiten geregnet hat. Aber da standen dann die Leute von Giesing, wo das Fußballstadion liegt, vor der Kasse mit Picknickkörben und Decken. Gerade deswegen ist es ganz schlimm, dass es ausgefallen ist, weil da Leute gekommen wären, die sich dafür interessiert hätten. Denn darum geht es ja auch, dass andere Publikumsschichten erreicht werden.

J.S.: Geht es darum, durch ausgefallenere Orte auch andere Leute in die Veranstaltungen reinzukriegen?
Franz: Ja, und es geht darum, dass Leute ins Nationaltheater gehen, weil da was stattfindet, dass sie interessiert. Das natürlich auch, das ist ein reziproker Prozess.

J.S.: Noch einmal zur Struktur von ‚festspiel+’. Sie sagten, Sie sind freier Mitarbeiter von ‚festspiel+’. In den Prospekten steht hinter Ihrem Namen immer „Konzeptberatung“. Was darf man sich genau darunter vorstellen?
Franz: Eigentlich manage ich ‚festspiel+’, das kann man so sagen. Ich mache das Konzept, den Spielplan und die Organisation.

J.S.: In Zusammenarbeit mit Sir Peter?
Franz: Ich lasse es von ihm absegnen. Ich mache Vorschläge, meistens sehr konkrete und fertige Vorschläge, und dann reden wir darüber und das bleibt dann meistens so wie es konzipiert ist. Da besteht ein ungeheures Vertrauensverhältnis. Er vertraut mir einfach, dass ich einfach das richtige mache. (Text weggelassen)

J.S.: Was natürlich sehr wichtig ist, weil man manchmal sehr kurzfristig planen muss.
Franz: Ja, durch dieses Vertrauen ist eine große Flexibilität möglich. (Text weggelassen) Er bringt zwar schon seine Bedenken ein, aber wenn ich der Meinung bin, dass es richtig ist, dann ist das in Ordnung.

J.S.: Und wer ist sonst noch beteiligt an ‚festspiel+’?
Franz: Frau Dr. Hessler ist ganz wichtig dafür, das Programm an die Leute zu bringen. Denn im Juli ist wahnsinnig viel los in München, und da ist es schwer, noch ein Programm zu verkaufen. Das ist harte Arbeit. Wir gehen jetzt nicht unbedingt nach Zahlen, so wie es im großen Haus ist, nach dem Motto, eine Auslastung unter 90% ist eine Katastrophe, das müssen wir nicht! Wir können uns auch Konzerte leisten, wo einfach nur 20% der Plätze belegt sind, das ist auch in Ordnung und kein Problem. Aber dieses Programm so schnell so wichtig zu machen, das ist eine große Leistung von Frau Hessler. Außerdem ist sie durch ihre unendlich vielen Kontakte zu Künstlern oder wie man zu Künstlern kommt, ganz wichtig. Also wenn ich mir irgendwas ausdenke und sage, „da bräuchten wir den und den dazu“, dann sagt sie, „ah ja, da kenne ich den und den“. Das greift schon zusammen. Diese Reihenfolge ist ganz wichtig. Denn Sir Peter ist einfach der Chef. Sir Peter stützt das und ohne Sir Peter würde es das nicht geben. Er könnte auch genau so gut sagen, „das lassen wir jetzt sein“, denn es wird ja nicht mehr vom Staat finanziert, sondern alles über Sponsorgelder. Und er könnte sagen, „ich nehme diese Gelder für andere Sachen“. Oder auch früher, als das Ministerium noch in jedem Brief geschrieben hat, dass festspiel+ eigentlich abzuschaffen ist.

J.S.: Wurden tatsächlich solche Briefe vom Ministerium geschrieben?
Franz: Ja, klar, das war ganz hart! Da hat er immer gesagt, „nein, das kommt gar nicht in Frage“.

J.S.: Wie wurde das damals vom Ministerium begründet? Sollte das Geld vom Staat nicht für ‚festspiel+’ verwendet werden?
Franz: Ja, die Begründung war, dass das nicht zum Zentralauftrag gehört. (Text weggelassen)

J.S.: Obwohl das Interesse des Publikums vorhanden war?
Franz: Ja, das interessierte die überhaupt nicht. Das ist speziell bayrisch. Es ist zwar in der bayerischen Verfassung verankert, dass Bayern Kulturstaat ist. Aber kürzlich erzählte Jonas vom Rundfunkrat, dass einer der Landesabgeordneten gesagt hätte, es stehe zwar im Grundgesetz drin, aber dass hieße noch lange nicht, dass dafür Geld ausgegeben werden müsse. Da ging es um die Schließung und die Abwicklung vom Rundfunkorchester. Da sieht man, dass das sehr gut klingt, aber überhaupt nichts bedeutet.

J.S.: Kommen wir noch mal zurück zur Mitarbeiterstruktur. Sie sind also zu dritt?
Franz: Ja. Und ich habe noch eine freie Mitarbeiterin für ‚festspiel+’, die vom Haus bezahlt wird. Und dann kommt natürlich noch dazu, dass mir dieses Schlachtschiff Oper wahnsinnig hilft, denn ich kann natürlich die ganzen Ressourcen nutzen, ob das jetzt die Werkstätten sind, ob das Personal ist, Licht, Equipment. Das steht alles zur Verfügung und ist alles vom Feinsten. (Text weggelassen)

J.S.: Ist das dann nicht auch für das Personal der Oper eine Herausforderung, draußen mal etwas zu realisieren? Machen die das gerne, oder stellen die sich quer?
Franz: Die machen das gerne. Die Techniker, die ‚festspiel+’ betreuen – das war eine richtige Gemeinschaft. Die standen hinter ihrer Arbeit. Auch wenn da mal jemand länger arbeitet, als er darf oder muss, redet keiner drüber.

J.S.: Ist diese Bereitschaft auch bei anderen vorhanden?
Franz: Das ist ganz gemischt. Es gibt Leute, die wollen das bis heute nicht. Am Anfang, als ich da im Nationaltheater zum ersten Mal etwas in Richtung Jazz gemacht habe, waren die Techniker wirklich erbost, dass da so etwas auf ihrer Bühne stattfand. Das hat sich geändert. Manche lieben das sogar, manchmal kommen danach Techniker und sagen „ja wir freuen uns schon auf nächstes Jahr, was passiert denn da?“. Eine solche Lobby hinter sich zu haben ist ganz wichtig.

J.S.: Wer unterstützt ‚festspiel+’ sonst noch durch den Zuspruch?
Franz: Das geht quer durch die Abteilungen. Und es sind auch wichtige Leute dabei, die das im Haus vertreten und die das wenn’s sein muss auch anordnen und sagen, so das wird jetzt gemacht.

J.S.: Wie sieht das mit der Gesellschaft zur Förderung der Münchner Opern-Festspiele aus?
Franz: Ich glaube, die meisten wissen gar nicht, dass es ‚festspiel+’ gibt. Das ist nicht deren Ding.

J.S.: Sie engagiert sich nicht beispielsweise für eine Produktion von ‚festspiel+’?
Franz: Nein, aber es werden ganz viele Einzelprojekte anderweitig gefördert. Zum Beispiel ist Roland Berger jetzt Hauptsponsor geworden. Die Hypo, die bis jetzt Hauptsponsor waren, bleibt immer noch dabei, und ganz viele Institutionen arbeiten direkt mit bei einzelnen Projekten, entweder durch Geld oder durch Unterstützung anderer Art.

J.S.: Wer hat das initiiert? Wurde das vom ‚festspiel+’-Team auf die Füße gestellt oder vom Haus?
Franz: Beides. Dass der Bayerische Rundfunk bei manchen Sachen dabei ist, das ist durch ‚festspiel+’ selbst entstanden. Roland Berger wurde durch die Sponsoring Abteilung der Staatsoper gewonnen. Die Hypo hat schon früher am Haus gesponsert und ist dann langsam zu ‚festspiel+’ rübergewandert.

J.S.: Hat man durch die Staatsoper Möglichkeiten, an bestimmte Sponsoren ranzukommen, die man sonst ohne den Rückhalt dieser großen Institution nicht hätte?
Franz: Ja, diese Sponsoren würde man ohne die Staatsoper im Rücken überhaupt nicht kriegen. Für Roland Berger ist der Name von ‚festspiel+’ interessant geworden, der für jung und innovativ steht. Man merkt auch, dass es immer leichter wird, je etablierter man ist. Die Sponsoren der Festspiele – diese Sponsoring Liste ist ja wirklich ein who is who – bemerken, dass da dann was ist neben den Festspielen, die so wie so unterstützt werden. Interessant ist, dass dann tatsächlich noch Ressourcen da sind, die man normalerweise nicht aktivieren könnte.

J.S.: Wie hoch ist denn das Budget?
Franz: Ja, ich weiß nicht, was Sir Peter über mich als Geldverwalter gesagt hat. (lacht) (J.S.: er hat gar nichts gesagt ) Ah, das ist aber nett (lacht). Also ich habe ein Budget für das Gesamtprogramm. Letztes Jahr hatte ich insgesamt 270 000 Euro. Da sind alle Sponsorgelder, auch die Einzelzuweisungen dabei. Das ist nicht besonders viel für dieses Programm, und von daher bin ich immer ziemlich am jonglieren. Auch bei Verträgen muss ich manchmal einfach sagen, „nein, das kann ich nicht bezahlen“.

J.S.: Ist diese Summe jedes Jahr konstant und können Sie damit rechnen?
Franz: Die ist immer ähnlich. Zuerst war es mehr, dann ist es ganz wenig gewesen, jetzt ist es wieder ein bisschen mehr geworden. Jetzt hat es sich in den letzten Jahren durch die Abkoppelung von den staatlichen Geldern bei dieser Summe eingependelt.

J.S.: Vor zwei Jahren wurden die Subventionen der Staatsoper ziemlich gekürzt. War ‚festspiel+’ zu diesem Zeitpunkt schon unabhängig?
Franz: Nein, eben nicht. Da ging es ziemlich ab. Zur Zeit mache ich etwas über einen Nürnberger Barockkomponisten, den bis vor 10 Jahren niemand kannte. Da arbeiten wir mit der alten Akademie Berlin, also einem absoluten Top-Orchester. Das kann ich natürlich nicht bezahlen! Das läuft dann nicht über direkte Gelder, sondern verschiedene Sponsoren übernehmen die Gagen von einzelnen Musikern. Dazu kommt, dass ich den Raum umsonst bekomme, die Alte Pinakothek, weil die das auch haben wollen und weil das gut in ihren Barocksaal passt. Dadurch wird das überhaupt erst möglich. Ich kann nicht bei der Akademie für Alte Musik anrufen und fragen, „wollt ihr was bei mir machen“, weil ich es nicht bezahlen kann. Das geht dann einfach anders.

J.S.: Wird viel koproduziert?
Franz: Ja, es wird viel koproduziert. Eben jetzt zum Beispiel mit der Alten Pinakothek, von denen wir den Raum ohne Kosten bekommen, und die mir auch das Einlasspersonal bezahlen. Das muss man alles rechnen, das kostet ein Schweinegeld. Da kommen die Kosten dann in einen Rahmen, wo ich dann sagen kann, „also dann können wir das machen“. Aber es geht immer von der Idee aus. Das sind dann Uraufführungen von Stücken, die vor 250 Jahren komponiert worden sind. Das finde ich spannend, da sind wir dabei.

J.S.: Noch einmal zur Struktur zurück, wie beurteilen sie die Struktur, die sie für ‚festspiel+’ gefunden haben?
Franz: Die Struktur ist in ihren besten Momenten eine Struktur der Zukunft. Wenn man nicht mehr so ganz an die Form des Stadttheaters glaubt, worin einen die Entwicklung der letzten Jahre bestätigt, durch die Kürzung der Etats, dann hat diese Struktur mit der Vorbereitung in einer kleinen Gruppe, mit dem Zusammenengagieren von Leuten und dem schnellen Produzieren Zukunft, weil alle das gleiche wollen. Das ist in einem Theater anders. In einem normalen Theater ist das schon eine Produktionsform der Zukunft.

J.S.: Also die freie Arbeit als Arbeitsform der Zukunft für das staatliche Theater?
Franz: Ja, genau. Das glaube ich schon. (Text weggelassen) Man stellt sich die Frage, was in einem Spielplan noch drin ist, wie viel Neues möglich ist. Neu meine ich in dem Sinn von Theater als Ort für die Auseinandersetzung einer Gesellschaft. Da ist das Theater vom Mittelpunkt der Gesellschaft schon sehr an den Seitenrand gerutscht. Und ich will jetzt nicht über die Musicals jammern, das ist ja nicht das eigentliche Problem. Das Problem ist die „Ver-eventisierung“ des Lebens. Natürlich spielen wir auch damit. Wenn wir einen Valentin im Stadion machen, ist da auch ein „Event“-anteil dabei. Das ist ganz klar. Aber wir versuchen den Leuten mit der äußeren „Event“-form noch etwas anderes unterzujubeln. (Text weggelassen)

J.S.: Mussten Sie ‚festspiel+’ während den Kürzungen der letzten Jahre verteidigen?
Franz: Ich musste gar nicht so viel verteidigen. Den Löwenanteil der Verteidigung hat Sir Peter übernommen.

J.S.: Verteidigung gegen wen?
Franz: Gegen die Politik. Sir Peter musste da mehrere Male mit jemandem vom Ministerium essen gehen. Und da ist er einfach unschlagbar. Das ist wirklich toll.

J.S.: Wie reagiert denn das Publikum auf ‚festspiel+’?
Franz: Wenn wir Mist machen, reagiert es sauer, und wenn wir gut sind reagiert es gut. Aber manchmal muss man auch stur sein, indem man sagt, „auch wenn es jetzt nicht der Verkaufshit war, machen wir das trotzdem weiter“. Da muss man vom Programm ausgehen. Am Programm vom letzten Jahr kann ich das vielleicht mal darstellen. (geht das Programm vom letzten Jahr durch) Festspiel-Nacht, ein Kessel Buntes, da kann man den Leuten Programmpunkte unterjubeln, wo sie sonst nicht hingehen würden, aber von denen sie dann ganz begeistert sind. Das ist spannend, innerhalb eines Events zu „de-eventisieren“. (Text weggelassen) Das Konzert von Burton und Ozone war toll und voll besucht mit fast tausend Leuten. Der war super drauf, die Erfahrung habe ich jetzt auch schön öfter gemacht, dass die Räume für die Künstler unheimlich inspirierend sein können, also nicht nur für die Zuschauer eine Rolle spielen. (Text weggelassen) Das ist auch etwas, was Festspiele meiner Meinung nach machen müssen: die Arbeit einzelner Künstler immer wieder zu zeigen. Also nicht nur einen nach dem anderen und nach Katalog ein Programm zusammen zu stellen, sondern auch jemandem treu zu bleiben. Einem Künstler treu zu bleiben, wenn man ihn gut findet, auch wenn er zwischendurch mal etwas schlechteres abliefert. (Text weggelassen)

J.S.: Einige Künstler werden regelmäßig eingeladen, um ihnen eine Plattform zu bieten, wo sie sich ausprobieren und entwickeln können?
Franz: Ja, genau. Es geht auch darum eine Entwicklung zu verfolgen. Mit Häusermann arbeite ich wirklich sehr viel zusammen und ich werde 2006 wieder etwas machen. Häusermann habe ich hier wirklich etabliert, den kannte hier am Haus wirklich keiner. An den kleineren Theatern hat er schon gearbeitet, aber nicht an den großen. Dann war er lange nicht mehr da, und dann habe ich ihn hier groß rausgebracht. (Text weggelassen)

J.S.: Wie funktioniert die interne Kommunikation bei ‚festspiel+’?
Franz: Die Kommunikation ist sehr wichtig, ganz entscheidend. Mit Frau Hessler bin ich sehr in Kontakt, die weiß sehr viel auch über meine Bemühungen und Sorgen. Sir Peter liefern wir Ergebnisse. Er schaut dann, ob das stimmt und passt, macht Anmerkungen und so weiter. Jetzt geht es wieder, aber in der Hochzeit konnte er sich nicht auch noch um ‚festspiel+’ kümmern. Dafür hat er uns, und er vertraut uns, was eine wichtige Basis ist. Mit Frau Hessler kommuniziere ich sehr viel über inhaltliche Sachen, und auch sehr viel mit ganz verschiedenen Leuten von außerhalb. (Text weggelassen)

J.S.: Gibt es in München ihrer Meinung nach eine Lobby für zeitgenössisches Musiktheater?
Franz: Es gibt natürlich die berühmte Reihe ‚musica viva’. Aber das ist nicht zeitgenössisches Musiktheater, sondern zeitgenössische Musik. Das ist natürlich auch eine Definitionsfrage von Musiktheater. (Text weggelassen) Über die Lobby im Haus habe ich schon gesprochen, das ist nicht abteilungsabhängig. Über die Lobby außerhalb des Hauses können wir uns eigentlich nicht beklagen. Die Presse ist auf jeden Fall aufgeschlossen. Die berichten. Manchmal sagen sie auch, „tut uns leid, es ist gerade so viel los, und wir wissen, dass wir zu wenig berichtet haben.“ Das ist immerhin schon ziemlich viel. Beim Kastanienball haben wir eine über die Birne bekommen, dass es nur so gerauscht hat. Beim Stadion war es sehr gemischt. Die Münchner haben zugeschlagen, die Überregionalen waren sehr gut. Es wird bemerkt, was wir machen. 2000 hatte ich Keith Jarret hier, der war jahrelang nicht mehr in München, und es war Hölle schwer, den hierher zu kriegen. Das geht dann mit der Unterstützung von verschiedenen Institutionen und Persönlichkeiten. Außerhalb des Hauses wäre das gar nicht gegangen. Von daher ist eine Unterstützung da. Und es ist ein gewisses Interesse von Institutionen da, die hier arbeiten. Ob das jetzt Klavier Sommer ist oder Winter und Winter, die sehr interessiert daran sind, mit ‚festspiel+’ zusammen zu arbeiten.

J.S.: Die Koproduktionen spielen eine wesentliche Rolle. Aus welchen Gründen?
Franz: Das sind natürlich erst mal finanzielle Gründe. Aber Koproduktionen sind auch dadurch geprägt, dass es verschiedene Institutionen gibt, die an einem oder mehreren Künstlern Interesse haben, und denen die Künstler dann entgegenkommen. Wenn das nur eine Institution produziert, dann gibt es immer Probleme mit der Anzahl der Vorstellungen. Wenn das drei oder vier sind, sind das mehrere Vorstellungen, was den Künstlern dann wieder zugute kommt. Also ein Stück drei Mal zu spielen oder fünfzehn Mal ist ein großer Unterschied. 2006 haben wir für Häusermann eine Koproduktion mit Hannover unter Schulz und Stuttgart unter Puhlmann. (Text weggelassen)

J.S.: Was sind denn Ihre Wünsche, Ziele und Visionen für die weitere Arbeit?
Franz: Es freut mich, dass Albrecht das weiter machen will, und es freut mich sehr, dass er mit mir weitermachen will. Ich kann mir vorstellen, dass ich das noch ein paar Jährchen, paar dann großgeschrieben bei Albrecht mache, und das dann so hinterlasse, dass es weitergegeben und weitergeführt wird. Das wäre schön, wenn da etwas entstanden wäre, was sich über den Tag und über eine Person hinaus etabliert hätte. Das fände ich schon schön, wenn es zu diesen 127 Jahren Opernfestspiele ein zehnjähriges ‚festspiel+’ gäbe, und dass es zwanzig Jahre werden würden. Die Festspiele können das sehr gut vertragen. Wichtig ist, dass es eben auch so ausgestattet ist, dass es Sinn macht. Unter einer gewissen Frechheit und unter einer gewissen Finanzausstattung funktioniert das nicht. Man muss auch zwischendurch ziemlich frech sein und sagen, „dieser alten Tante Staatsoper da drüben, der hau ich jetzt wieder mal ans Schienbein.“

J.S.: Darf man das auch, ans Schienbein hauen, oder ist das nur begrenzt möglich?
Franz: Das kommt immer darauf an, wer das mitmacht. Mit dem Sir haben wir Sachen getrieben, das ist nicht zu fassen. So eine Madonna-Ausstellung, das muss der Intendant natürlich vertreten, dass da so eine ‚Pop-Kuh’ Einlass findet ins Foyer des Nationaltheaters. Und da waren dann auch noch ein paar respektlose Bezüge zur christlichen Madonna. Das muss man vertreten, das muss man wollen. Und er stellt sich dazu, und wie! Das härteste war im zweiten Jahr, damals war das Thema Heimat. Und da war seine Idee, eine Live-Installation zu machen über das deutsche Parken. Da haben wir drei Autos auf der Maximilianstraße gegenüber vom Bühneneingang eng aneinander geparkt und in der Mitte musste jemand ausparken, der dann ganz offensichtlich kein deutschstämmiger junger Herr war. Da war was los! Da haben wir uns auch viele Feinde für ‚festspiel+’ geschaffen. Weil der so gehupt hat und so ein Krach, und jedes Mal Polizei (...). Und die Polizei wusste das auch schon. Die ersten Male haben wir ihnen dann den Zettel gezeigt „Vorsicht Kunst“, das war ja alles genehmigt. Und irgendwann sind sie dann nicht mehr gekommen. Diese ‚live-sculpture’ findet auch immer wieder statt, wenn uns was Gutes einfällt. Aber das hat wirklich den Nagel auf den Kopf getroffen. Da ging die Post ab. Dieses Aneggen finde ich auch eine wesentliche Aufgabe von ‚festspiel+’. Und auch bei der Johannespassion, das war ein kalter Juni-Abend, und da haben sich die Leute beschwert, dass es zu kalt war und gezogen hat. Aber da schreibt man einen netten Brief, und dann ist das erledigt. Aber dass man wirklich noch aufregen kann. Also manche sagten, das war wie kurz nach dem zweiten Weltkrieg, als wir wieder ins Theater gehen konnten, als wir wieder in Konzerte gehen konnten. Und das ist dann das Wichtige.

Ende des Interviews.

(> Download)