Johanna Schweizer / Projektkoordination Kultur

Interview mit Thomas Oppermann, niedersächsischer Minister für Wissenschaft und Kultur von 1998 bis 2003

Telefoninterview
Datum: 12. Januar 2005
Dauer des Gesprächs: 28 Minuten

J.S.: Was ist für Sie das Ziel staatlicher Kulturpolitik?
Oppermann: Das Ziel staatlicher Kulturpolitik ist, ein Netzwerk an kulturellen Einrichtungen und Aktivitäten bereit zu stellen, das den Menschen ermöglicht, sinnvoll an Kultur teilzuhaben. Und dabei begreife ich Kultur als etwas, was nicht nur aus sich selbst heraus wichtig ist für die Selbstverwirklichung einzelner Menschen, sondern als etwas, was auch für die gesamte Gesellschaft wichtig ist als eine Kultur-Gesellschaft, als eine humane Gesellschaft, die ohne Kultur nicht denkbar ist, und für eine Gesellschaft, die auf sozialen Zusammenhalt angewiesen ist. Kultur dient auch dem sozialen Zusammenhalt einer Gesellschaft. Und das ist für mich die Rechtfertigung, staatlich Kulturpolitik zu fördern, wobei wir aber keine Staatskultur wollen, sondern wir wollen natürlich die Kultur stärker auch als Element der Bürgergesellschaft entwickeln. Das heißt nur soviel Finanzierung und nur soviel Anstöße vom Staat, wie unbedingt notwendig, und soviel bürgerschaftliche Kulturentfaltung wie möglich.

J.S.: Bedeutet Kultur fördern auch Kultur gestalten?
Oppermann: Der Staat sollte sich zurücknehmen, wenn es um Kulturgestaltung geht. Er muss sich da als politischer Dienstleister verstehen, der natürlich schon die Qualitätsentwicklung im Auge hat, aber die Messung der Qualität nicht selber vornimmt, sondern der sich dafür kulturkompetenter Personen und Institutionen bedient. Das war auch Teil meiner Politik als Kulturminister. Wir haben viele Entscheidungen übertragen auf Gremien. Ich habe mal den ironischen Ausspruch getan: „Ich bin von Kommissionen umstellt als Kulturminister“. Wir hatten viele Kommissionen, die Kunstkommission, die Literaturkommission, Theaterkommission gab es auch oder die Kunstvereinskommission und so weiter, in denen fachlich kompetente Personen saßen, die auch Empfehlungen gegeben haben, wie die Mittel zu verteilen sind, und wie die Förderung zu gestalten ist. Und diese Empfehlungen waren für mich natürlich maßgebend für die Politik. Ich denke, man sollte da nicht versuchen, dass die kulturpolitische Entscheidung des Ministers oder der Ministerialbürokratie an die Stelle von fachlich fundierten Voten gesetzt werden. Man sollte den Sachverstand aus der Kultur selbst ableiten.

J.S.: Ging es Ihnen dabei um eine breite oder eine gezielte Förderung?
Oppermann: Ich bin für eine Spitzenförderung.

J.S.: Also ausgewählte Sachen gezielt fördern?
Oppermann: Was nun ausgewählt wird, das muss die Qualitätsmessung und die Qualitätsbeurteilung zeigen. Die nimmt man vor mit qualifizierten Personen und natürlich auch mit der Nachfrage. Ich kann nicht irgendein hoch qualifiziertes Ballett fördern, zu dem gar keiner gehen will. Da spielt natürlich auch die Nachfrage in der Bevölkerung eine Rolle. Das kann man nicht ganz ausblenden. Bei der Frage, wer was fördert, da würde ich dann unterscheiden. Da bin ich dafür, dass Land und Bund sich auf die Spitzenförderung beschränken, und dass die Breitenförderung stärker von den Kommunen getragen wird.

J.S.: Welche Aufgabe und welche Funktion hat die Oper ihrer Meinung nach?
Oppermann: Die Oper hat die Aufgabe, die Menschen glücklich zu machen. (lacht)

J.S.: Und welche Ziele sollten staatliche Theater verfolgen?
Oppermann: Die Oper ist natürlich eigentlich das Medium der bürgerlichen Kultur schlechthin. Es ist die Instanz und die Einrichtung, in der die Subjektivität menschlicher, künstlerischer Äußerungen am höchsten entfaltet ist. Deshalb ist die Oper etwas faszinierendes, ist es über Jahrhunderte geblieben. Sie ist nicht wegzudenken aus unserer Gesellschaft. Aber die Oper muss sich natürlich auch, (zögert) gerade die Opernmusik des 17./18. Jahrhunderts, und des 19. Jahrhunderts, muss natürlich zeitgenössisch interpretiert werden. Die Musik weniger als die Inhalte der Opern. Da bin ich schon durchaus auch für moderne Inszenierungen, und nicht für rein historische Aufführungspraxis. Die Aufgabe der Oper ist, diese künstlerische hohe Subjektivität gerade in einer Gesellschaft, die auf Geschwindigkeit, auf Oberflächlichkeit, auf Flüchtigkeit angelegt ist, den Menschen durch solche Eindrücke zu vermitteln. Was sie letztlich in ihrer menschlichen Existenz bedeuten. Wofür sie stehen. Dass ihre Subjektivität letztlich das ist, was von ihnen mal überbleibt.

J.S.: Gab es einen Kulturauftrag des Ministeriums an die Staatsoper?
Oppermann: Nein.

J.S.: Nein?
Oppermann: Gute Oper zu machen. Gute Leistungen zu erbringen.

J.S.: Gab es quantitative Auflagen?
Oppermann: Ja es gab ein Budget, und klar, mit dem mussten sie zurechtkommen.

J.S.: Wurde eine gewisse Anzahl an Spieltagen festgelegt?
Oppermann: Das war Sache der Oper! Es gab einen Aufsichtsrat im Staatstheater Hannover, und das war Sache der Intendanten, wie viele Spieltage und so weiter. Da haben wir uns nicht eingemischt.

J.S.: Und die Anzahl an Premieren?
Oppermann: Nein, Anzahl der Premieren und so, nein. Da gab es keine Vorgaben.

J.S.: Und auch qualitativ keine Vorgaben, dass das Ministerium beispielsweise sagt, wir hätten gerne mehr Kindertheater oder so?
Oppermann: Ganz im Gegenteil. Wir haben den Intendanten geschützt, als er Calixto Bieti, Bieto? (J.S.: Bieto.) Bieto, Calixto Verflixto hab ich den hinterher genannt (lacht), als Puhlmann den in Hannover engagierte, und als der den Don Giovanni in einer skandalumwitterten Inszenierung brachte, haben wir das verteidigt. Das ist künstlerische Freiheit, künstlerischer Ausdruck, und wir haben natürlich mit ihm gesprochen und auch darauf hingewiesen, dass man natürlich nicht das ganze Publikum vertreiben darf, auch in seinem eigenen Interessen, aber wir haben volle Rückendeckung gegeben.

J.S.: Verteidigt gegenüber der Presse?
Oppermann: Ja!

J.S.: Haben Sie auch wütende Briefe bekommen?
Oppermann: Ja natürlich, ja, ich habe persönliche Briefe bekommen, wo Leute ihr Abo gekündigt haben und sich bei mir beschwert haben. Wir haben das auch im Aufsichtsrat besprochen, aber wir haben gesagt, das ist künstlerische Freiheit.

J.S.: Gibt das Ministerium eine Richtung oder einen Schwerpunkt vor? Zum Beispiel mehr Kindertheater?
Oppermann: Natürlich finde ich Kindertheater sehr wünschenswert, weil das unglaublich wichtig ist für die Nachwuchspflege. Das Kindertheater von heute bringt das Publikum von morgen hervor. Denn die Besucher des Kindertheaters von heute sind die Besucher der Oper und des Theaters von morgen. Und insofern liegt es natürlich im wohlverstandenen Interesse der Oper, sich da zu engagieren. Aber wir haben das jetzt nicht eingefordert oder so.

J.S.: Welchen Stellenwert haben jeweils die Repertoirepflege und die Weiterentwicklung durch zeitgenössische Produktion von Musiktheater?
Oppermann: Ich kann ihnen da nur meinen persönlichen Geschmack sagen. Also wir haben da keine Vorgaben gemacht. Natürlich muss es ein vernünftiges und ausgewogenes Verhältnis von Repertoirepflege und Neuinszenierungen geben, wobei wir in der Vergangenheit in Hannover das Repertoire ein bisschen übertrieben haben. Dabei ist das Publikum zwar treu geblieben, aber doch eingeschlafen. Und dass jetzt mehr Neuinszenierungen gekommen sind (zögert), was meinen sie mit Neuproduktionen, Uraufführungen?

J.S.: Nicht szenische Neuinszenierungen sondern Uraufführungen, zeitgenössische Kompositionen.
Oppermann: Ja gut, es wäre natürlich, das gilt fürs Theater noch mehr wie für die Oper, denn ich kenne mich in den modernen Opern nicht gut aus, zeitgenössisch komponierten, ja? Da kenne ich mich nicht so gut aus. Da kenne ich überhaupt nur eine einzige, die anlässlich zur Expo komponiert wurde. (Text weggelassen)

J.S.: Aber wie sehen Sie dieses Verhältnis in dem nicht formulierten Kulturauftrag?
Oppermann: In dem nicht formulierten Kulturauftrag (lacht) würde ich sagen, die Oper muss natürlich immer wieder neue Stücke auf die Bühne bringen, und sie darf nicht museal erstarren. Und das ist überwiegend der Fall. Schauen sie sich die Spielpläne an, es werden natürlich immer wieder die alten Opern gespielt, die italienischen und die Mozartopern. Sie darf nicht museal erstarren, das ist richtig, sie muss sich weiterentwickeln. Sie muss sich als Genre weiterentwickeln, und das kann sie natürlich nur, wenn neue Opern auch auf die Bühne gebracht werden.

J.S.: Sind Ihrer Meinung nach Staatsopern durch die finanzielle Unterstützung des Landes dazu verpflichtet, die Entwicklung des zeitgenössischen Musiktheaters zu fördern?
Oppermann: (zögert) Ja. (Pause) Ja.

J.S.: Wie stehen Sie zu der Aussage „staatliche Förderungen sind zum größten Teil Risikoprämien“?
Oppermann: Das ist eine gute Aussage, weil die Opern die staatlich finanziert werden, oder ihre Grundfinanzierung vom Staat bekommen, natürlich eine größere künstlerische Freiheit haben. Weil sie nicht auf Sponsoren und Publikumseinnahmen angewiesen sind, können sie mehr experimentieren. Und deshalb würde ich sagen, ist es natürlich auch ihre Pflicht, das zu tun. Da kann man schon einen Zusammenhang herleiten. Sie haben aber nicht die Pflicht, das Publikum aus den Opernsälen zu vertreiben. Das ist nicht ihre Pflicht. Manchmal war das ja umgekehrt, dass gute interessante Oper nur die ist, die keiner hören will. Also soweit würde ich nicht gehen.

J.S.: Wie kommt es zur Entscheidung für einen Intendanten, was sind Kriterien?
Oppermann: Ich habe mich in meiner Ministerzeit für Puhlmann entschieden als Nachfolger von Lehmann in Hannover. Da hatte ich mehrere zur Auswahl, und ich hatte mich schon für jemanden entschieden, der erstens ‚Intendanten-Intendant’ war, also nicht eigene Regie machte, der tatsächlich die ganze Oper im Blick hat, inklusive natürlich auch Orchester und Ballett, trotz der Zuständigkeiten des Generalmusikdirektors und des Ballettdirektors. Das war das eine Kriterium, also ein moderner Kulturmanager, der sich nicht durch eigene Regiearbeit im Detail verzettelt. Das war das eine, und ich wollte einen experimentierfreudigen und modernen Intendanten, der eben solche Sachen, wie Calixto Bieto auch macht. Das waren meine Kriterien.

J.S.: Und da hört man sich um und besucht heimlich verschiedene Opernhäuser?
Oppermann: Meine damalige Kulturabteilungsleiterin, Frau Kisseler, jetzt Staatssekretärin in Berlin, die kennt sich in der Szene gut aus. Und dann haben wir mehrere Leute, die ansprechbar waren, angesprochen. Das waren dann in der engeren Auswahl drei Personen, mit denen hab ich persönlich gesprochen. Dann habe ich mich für Puhlmann entschieden. Natürlich hat Frau Kisseler das vorbereitet, aber ich hatte immerhin wirklich auch noch zwei andere gesprochen, also ich hätte mich auch anders entscheiden können als Minister. Der Stratmann hat sich da in der Schlussphase sicher auch noch mal persönlich schlau gemacht. Normalerweise können ihre Mitarbeiter das ja so manipulieren, dass sie ihnen drei Leute servieren, von denen zwei deutlich abfallen, dass sie sich automatisch dann für den dritten entscheiden, aber so war das hier nicht. Das war wirklich eine ernsthafte offene Suche danach. Für Puhlmann sprach am Ende auch sehr, dass er ungefähr die gleiche Generation ist wie Wilfried Schulz, und dass die beiden schon in Basel miteinander gearbeitet haben. Die kannten sich aus der Basler Zeit, und das war eine große Verlockung, eine gesamte Aufbruchstimmung zu bekommen. Puhlmann kam später, Schulz war schon vor ihm da. Und ich finde, das ist immer noch großartig aufgegangen. Das wird wahrscheinlich mal als eine ganz große, sicherlich als die interessanteste Phase der Nachkriegszeit des Hannoveraner Staatstheaters gelten, dieses Duo Schulz-Puhlmann. Also ich hab das sehr genossen, muss ich sagen. Ich bin kein Opernkenner, aber gehe gerne in die Oper. Ich habe diese Oper, die Puhlmann da gemacht hat, die habe ich sehr genossen, die hätte mich auch angesprochen, wenn ich nicht als Kulturminister dafür zuständig gewesen wäre.

J.S.: Und Sie haben sich vorher von seiner Arbeit in Basel vor Ort ein Bild gemacht?
Oppermann: Ja, wir waren natürlich in Basel, also ich nicht persönlich, Frau Kisseler war in Basel, und hat sich dort etwas angehört, und wir haben natürlich auch ein Referat für Staatstheater, und da verfolgt man das natürlich, und die Leute lesen die Kritiken, und besuchen auch Premieren.

J.S.: Gibt es oder gab es in Niedersachsen konkrete politische Initiativen zur Förderung von zeitgenössischem Musiktheater?
Oppermann: Nein, da kann ich mich nicht dran erinnern. Es kann sein, dass es die gegeben hat, zu meiner Zeit nicht. So ein richtiges Programm, wo man dann etwas bereitstellt, nein, das gab es nicht. Es war immer ein Thema, zeitgenössisches Musiktheater, aber es gab kein Programm und auch keinen Druck in die Richtung.

J.S.: Das Staatstheater wird vom Land finanziert, die Verteilung der Gelder für die einzelnen Sparten liegt aber in den Händen der Intendanten?
Oppermann: Nein nein, die einzelnen Sparten sind schon vorgegeben, also was das Theater und was die Oper bekommt im Staatstheater, das ist vorstrukturiert. Die haben da jeweils feste Budgets. Aber es ist ein Wirtschaftsplan, das stimmt.

J.S.: Und die Oper verteilt ihre Mittel intern selbst.
Oppermann: Ja, genau so ist es.

J.S.: Vergibt das Ministerium auch Mittel, die projektbezogen sind?
Oppermann: Nein. Es kommt auch vor, dass projektbezogene Mittel vergeben werden, dass die Oper Drittmittel einwirbt, aber über ihr Budget, wie das verwendet wird, das bestimmt der künstlerische Leiter, sprich der Intendant.

J.S.: Wenn es zu Einsparungsmaßnahmen kommt, über was wird diskutiert?
Oppermann: Wir haben da über Finanzen diskutiert, nicht über Inhalte. Natürlich gibt es immer die Verpflichtung der Oper, die Einnahmen möglichst hoch zu gestalten. Aus Eigeninteresse. Aber es gibt keine inhaltliche Diskussion darüber. (Text weggelassen) Klar gibt es da Gespräche und wie man das umsetzt, da brauchen die Intendanten auch die Hilfe des Landes. Die gibt es. Aber da diskutiert man darüber, ob wir wirklich 20 Leute in der Kostümschneiderei brauchen. Insgesamt waren da glaube ich 25 Leute beschäftigt. Braucht man die da oder kann man das vielleicht auch mit 15 machen. Kann man Aufträge extern vergeben oder nicht. Das sind so betriebswirtschaftliche Diskussionen. Den betriebswirtschaftlichen Rahmen sprengt dann natürlich eine Debatte, ob drei Staatstheater in Niedersachsen mit einem Ballett auskommen, das dann immer hin und her reist. Das zeugt von wenig Kenntnis der Abläufe, wie so ein Ballett überhaupt arbeitet.

J.S.: Aber es wird nicht über einzelne Regisseure diskutiert, weil man sagt, das können wir uns jetzt nicht mehr leisten.
Oppermann: Nein. Das wird nicht diskutiert.

J.S.: Kennen Sie die zeitgenössische Reihe ‚zeitoper’ in Hannover?
Oppermann: (Pause)

J.S.: Die machen kleinere Produktionen neben dem großen Opernbetrieb her?
Oppermann: Auf der kleinen Bühne, oder?

J.S.: An verschiedenen Spielorten.
Oppermann: Nein, da hab ich noch nicht dran teilgenommen, ich habe immer nur die großen Premieren besucht.

J.S.: In welchen Foren werden die Ansichten des Ministeriums zur Kultur vermittelt? Gab es spezielle Publikationen, Diskussionsforen, oder ähnliches?
Oppermann: Nein. Allgemeine publizistischen Möglichkeiten, Tageszeitungen, aus gegebenem Anlass Pressekonferenzen, ich hab immer an den Pressekonferenzen zur Vorstellung des Spielplans teilgenommen, und bei dieser Gelegenheit auch was als Kulturminister gesagt, zur Oper, zur Finanzierung, und wie sie steht.

Ende des Interviews.

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